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Kyuss: Hamburg, Docks, 15.03.2011

Live-Bericht: So war’s gewesen!

„Sie sind wieder auf Tour und kommen in eine Stadt in deiner Nähe, um Chaos anzurichten und dir die Fresse zu polieren. Alles andere ist Geschichte. Kyuss Lives!“ verkündet das reunierte Dreiviertel-Original-Lineup der Stoner-Rock-Legende Kyuss auf seiner Website. Heute Abend, beim Deutschlandtourauftakt im Hamburger Docks, gilt es nun: Können John Garcia, Nick Oliveri, Brant Bjork und Neuling Bruno Fevery, der einen gewissen Josh Homme an der Klampfe ersetzen soll, über 20 Jahre nach der Kyuss-Geburt und über 15 nach ihrer Einschläferung ihren Status als eine der wichtigsten Rockbands der 90er Jahre untermauern? Oder wird das hier wieder nur zur peinlichen Selbstexhumierung und -demontage einer Legende (was Homme übrigens als Begründung für seinen Reunion-Boykott anführt)?

Seit Monaten ist das Docks – wie auch alle anderen Dates der Deutschland-Tour – ausverkauft. Wie wichtig eine Band im musikhistorischen Kontext wirklich ist, merkt man meistens an der Treue und Hingabe ihrer Fans. Und Kyuss-Fans, das soll nicht zuletzt dieser Abend beweisen, Kyuss-Fans sind unglaublich treu und hingebungsvoll. Zuerst jedoch betreten zur TV-Prime-Time die deutschen Schwer-Rocker Burden die Bühne. „Ich weiß, wie das mit den Vorbands ist“, gibt sich Sänger Thorsten gar keinen Illusionen hin, viele Burden-Fans im Publikum anzutreffen. Ein gähnendes Loch klafft vor der Bühne – nur eine einsame Mosherin schwingt ihre Mähne zu den kräftig donnernden Rocknummern, die durchaus Power und Klasse haben und dabei nicht unwesentlich an Down erinnern. Was Burden allerdings fehlt, ist (neben Phil Anselmo) diese gewisse Räudigkeit. Kann ja noch kommen. Kleiner Tipp: Unbedingt auf Handküsschen und Winkewinke-„Ciao“ verzichten!

Dann wird’s wachsig: Was sich die kalifornischen Waxy bei ihrem Bandnamen gedacht haben, wissen (wenn überhaupt) nur sie selbst – ihre donnernden Riffs, die mal zur zerstörerischen Kakophoniewalze, mal zum groovenden Rockmonster mutieren, haben jedenfalls mehr Eier, als der Bandname vermuten lässt. Manchmal trifft Chad-Kroeger-Lookalike Robert Owen zwar die Töne nicht ganz sauber und ein bisschen mehr Pathos hätte man sich bei Kyuss-Einpeitschern ebenfalls gewünscht – aber sei’s drum: Waxy und ihre sexy Plexigitarren gehen als Entree gut runter. Und wenn die nicht gut wären, hätte John Garcia ja auch gar nicht auf deren Platte mitgesungen.

Dann – Heureka! – ist es so weit: Kyuss Lives! entfesseln ihre „Desert-Rock-Raserei“ über Hamburg und preschen mit 666 Meilen pro Stunde und ‚Gardenia’ als Opener eines hundertminütigen Wüsteninfernos über die entfesselte Meute hinweg. Wer phlegmatische Altrocker befürchtet hat, die sich noch mal jung und wichtig fühlen wollen, wird schnell geläutert: Der stoische Garcia gleitet mit cooler Grandezza über die Bühne, keift ins Mikro, als wäre er immer noch 20, und legt ein paar lässige Dancemoves aufs Parkett (die seiner kleinen Tochter immer ziemlich peinlich sind). Nick „Zacherl“ Oliveri holt Klänge aus seinem Bass heraus, die, nahezu Toolesque, den Biorhythmus umpolen. Und Bruno Fevery, „one of the baddest motherfucking guitar players“, tja, Bruno Fevery macht Josh Homme mal eben vergessen. Wüsste man’s nicht besser, müsste man annehmen, dass Kyuss schon immer in genau dieser Besetzung gespielt haben. Das Pit sieht’s ähnlich und tobt wie ein Piranhabecken mit Fleischeinlage, schließlich haben viele der Anwesenden jahrelang auf genau diesen Moment gewartet. Ob das düster polternde ‚Thumb’ von “Blues For The Red Sun”, das morbide ‚Asteroid’ von “Welcome To Sky Valley” oder den Wüstenstaubwedel ‚El Rodeo’ und das höllisch groovende ‚Spaceship Landing’ von “…And The Circus Leaves Town” – Kyuss Lives! fahren die volle Bandbreite an Geschützen auf, nehmen immer wieder geschickt das Tempo zum Durchs(chn)aufen raus, nur um im nächsten Moment die Nasenhaare zum Vibrieren zu bringen (ehrlich!) und das Trommelfell zu malträtieren. Als Zugabe gibt’s erst ‚Tangy Zizzle’, bevor Garcia und Co. schließlich am Rad der Erkenntnis drehen und mit der glorreichen grünen Maschine einen denkwürdigen Abend beschließen. Sie haben Chaos angerichtet. Sie haben die Fresse poliert. Alles andere ist tatsächlich Geschichte. Kyuss lebt! In Hamburg jedenfalls.

(erschienen in Metal Hammer 05/2011)

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