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Unheilig – Der Graf im Interview

Unheilig
Juli 2006

Anlässlich einer umfassenden Titelstory zum Thema “Schwarze Szene” schrieb Ben ein paar neugierige Fragen an den unheiligen Grafen, der diese auch prompt beantwortete. Fast wären seine zeitlosen Aussagen für immer in der Archivgruft des Verfassers verschwunden, doch als am 1. März 2010 eine Newsletter-Mail im Postkasten eintrudelte, die besagte, dass Unheilig mit ihrem neuen Album “Große Freiheit” auf Platz 1 der deutschen Albumcharts eingestiegen sind, erinnerte sich Ben an jenes Interview und die Tatsache, dass er den obskuren Lockenträger beim M’era Luna 2006 schon einmal abgelichtet hat. Das darf der Welt natürlich nicht länger vorenthalten werden!

“Grenzen sind das Todesurteil der Kreativität”

Graf, was zeichnet für dich die Schwarze Szene aus?
Ich denke, dass die Träume und Ängste sich nicht wesentlich von Menschen unterscheiden, die nichts damit am Hut haben. Beim Umgang mit Themen wie Liebe, Träume und Tod sehe ich allerdings schon einen Unterschied. Hier wird wesentlich offener mit diesen Dingen umgegangen.
Haben die Anhänger dieser Szene eine besondere geistige Einstellung?
Ich denke, dass Mystik oder ähnliche Anschauungen genauso szenebezogen sind wie die Realität. Ich habe die Erfahrung gemacht, Unheilig dass auch Menschen, die mit diesen Dingen nichts zu tun haben, hier ebenso anzutreffen sind. Einschränken auf eine bestimmte Einstellung lässt sich das für mich in keiner Weise. Es würde natürlich für jeden Außenstehenden schön erklären, wie so eine schwarze Szene funktioniert, und wird natürlich häufig immer wieder gerne angenommen. Wenn man sich dann jedoch darauf einlässt, merkt man schnell, dass dort ganz normale Menschen zu finden sind.
Kann man den Refrain von “Sage ja” auch als Beschreibung der “schwarzen Gesinnung” deuten? Schattenwelt, Einsamkeit, Morgenrot… das scheint die Geisteshaltung der Szene – jedenfalls wie ich sie mir vorstelle – ganz gut zu treffen…

Die Thematik von „Sage ja“ passt, finde ich, exzellent zur Einstellung der Szene, wenn man sie beschreiben möchte. So eine Art Aufruf für die, die nicht verstehen, was die Szene ist. Allerdings sind diese Themen immer Grundlage von Liedern. Ob Hip-Hop, Pop oder Rock, das findet man überall. Daher finde ich, kann man einzelne Lieder nicht alleine nehmen um Bestimmtes zu erklären. Dafür sind sie ja auch nicht da. Bei Liedern geht es lediglich darum einen bestimmten Standpunkt auszusagen oder über Träume und Ängste zu singen, in denen sich der Zuhörer wiederfindet. Ein kleiner Teil von dem, was man ist und will.
Obwohl man die “Schwarzen” ja oft in die Depri-Ecke steckt, sind das ja meistens sehr lustige und freundliche Leute – werden den Menschen aus dieser Szene oft unbegründete Vorurteile entgegengebracht? Depressionen, Todessehnsucht, Satanismus…
In der schwarzen Szene redet man wenigstens offen darüber, weil man Verständnis findet und sich in all diesen Themen austauscht und damit beschäftigt. Anderswo werden diese Gedanken verschwiegen, weil es nicht fein ist offen darüber zu sprechen. Da wird darüber hinweggesehen oder verdrängt, bis es dazu kommt, dass man Gedanken in die Tat Unheilig umsetzt, weil man keinen Ausweg mehr sieht. Ängste und Sehnsüchte auszutauschen, egal welcher Art, hat nichts mit Satanismus zu tun, sondern mit Reife und Größe und ist für mich das Menschlichste und Normalste der Welt. Daher sind die meisten auch immer lustig und freundlich, weil viele mit sich im Reinen sind.
Die Texte deines neuen Albums “Moderne zeiten” muten sehr romantisch an – wo sind die Grenzen zwischen Romantik, Melancholie und Depression?
Da gibt es keine Grenzen. Warum auch. Bei Musik, Text oder Kunst im Allgemeinen wären Grenzen das Todesurteil der Kreativität. Ob man Bestimmtes gut oder nicht gut findet, ist lediglich eine Meinung und kein Maßstab. Das Problem ist immer nur, dass man versucht – wie auch in deiner Frage – die Dinge zu erklären, einzutüten und in verschiedene Schubladen zu stecken. Das wird nie funktionieren und das ist auch gut so. Kunst ist menschlich. Hast du eine Grenze erreicht, willst du drüberklettern um zu sehen, was dahinter ist.
Wie wichtig ist dein Äußeres für deine Musik?
Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich dazu da, den Fans eine gute Show zu liefern und alles dafür zu geben, weil ich ihnen alles zu verdanken habe. Mein Äußeres setzte ich ein um die Musik transportieren zu können, weil ich mich in diesem Outfit wohl fühle und finde, dass es zur Unheiligen Musik passt. Ansonsten bin ich immer ich und sehe jeden Morgen genauso zerknautscht aus wie jeder andere auch.



Interview: Ben Foitzik / Juli 2006 / Mailer
Bilder: Ben Foitzik / M’era Luna 2006


Und hier noch ein bisschen mehr fürs Auge:

Unheilig, M’era Luna 2006

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