Turbostaat – Marten & Tobert im Interview
Zum Staatsbankett im Warnerschen Headquarter laden die Herren Marten und Tobert Turbostaat und spendieren für die unclesally*s-Titelstory anlässlich Pladde No. 4 aka “Das Island Manöver” sogar generöse 45 Minuten Sprechstunde. Aus denen dann 75 wurden, wie sich an diesem Mammutinterview grob erahnen lässt. Und da benrocks.de der Generösität generell ebenfalls unabgeneigt ist, kann man den locker-flockigen Plausch nun in seiner ästhetisch wertvollen Gänze und völlig unverfremdet nachlesen. Man gönnt sich ja sonst viel zu wenig und überhaupt hört man viel zu selten Turbostaat – egal, wie oft man es hört.
Das „Island Manöver“ ist eure zweite Platte auf Warner – hat sich die Label-Power und die dadurch gesteigerte Aufmerksamkeit auf das Selbstverständnis der Band Turbostaat ausgewirkt?
Tobert: Die Definition von unserer Band, wer wir sind, was wir machen, bestimmt sich durch uns, durch das, was wir tun. Wenn wir unterwegs sind, wenn wir im Proberaum sind, wenn wir Lieder machen. Diese ganzen Seitendinge, die man jetzt machen muss, das ist Beiwerk. Das nehme ich zwar wahr, aber was wirklich bei uns passiert und Eingriffe hat, das ist das Persönliche.
Mit Warner im Rücken habt ihr ja schon ein anderes Standing erreicht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich das nicht auf eine Band auswirkt.
Tobert: Tut es mit Sicherheit, aber ich könnte jetzt nicht trennen, was durch die größere Promo gekommen ist oder wie viele Leute jetzt deswegen mehr auf unseren Konzerten waren. Da hat sich was entwickelt, aber man kann selber schwer sagen, wie und was.
Marten: Wir gehen ja nicht irgendwo rein und sagen ‚Guten Tag, Sie haben es hier mit einer Major-Band zu tun’, sondern man kommt da einfach rein und sagt ‚Hallo, ich bin der Idiot’ und spielt dann einfach. Man fühlt sich nicht anders.
Tobert: Ich würde behaupten wollen – aber es gefällt mir auch sehr gut, das zu behaupten, deswegen tue ich das auch –, dass natürlich, als wir „Vormann Leiss“ rausgebracht haben, über Promo, Presse und Trallala, mehr Aufmerksamkeit erzeugt worden ist. Ich sage aber trotzdem, dass sich die Besucherzahlen auf unseren Konzerten, die Leute, die immer wieder kommen, darüber definieren, dass wir live spielen. Und das ist nach wie vor unser komplett eigenes Business – wir fahren halt rum, buchen zum größten Teil noch unsere
Konzerte, die wir so gut wie möglich spielen wollen. Das können wir gut, das mögen wir gerne, das ist das, was wir wollen. Wenn ein paar Leute wiederkommen, würde ich behaupten wollen, die kommen wieder, weil ihnen das Konzert gefallen hat, und nicht, weil sie irgendwo noch mal über die Band was gelesen haben. Ich bin auf dieser Seite: Ich gehe auf ein Konzert und wenn ich das geil finde und sehe, dass eine Band wieder in einer Stadt spielt, dann habe ich Bock da noch mal hinzugehen.
Aber du gehst ja nicht zufällig zu einem Konzert und siehst eine geile Band.
Tobert: Früher war das so!
Marten: Doch doch doch! Also ich wohne nicht in Hamburg, bei uns spielen keine bekannten Bands. Ich mach das, ich geh auf ein Konzert, weil ein Konzert ist. Und zwar im Laden meines Vertrauens. Ich habe mir auch abgewöhnt, mir die Bands vorher auf Myspace anzuhören, weil es meistens scheiße ist. Dann würde ich mir überlegen ‚muss ich wirklich da hingehen?’ Stattdessen gehe ich da einfach hin, höre mir die Bands an und finde die einfach geil.
Tobert: Bei mir hat sich das inzwischen geändert. Ich hab Kinder und so’n Quatsch und bin müde und hab keine Lust. Aber früher, da wo wir herkommen, aus Husum, da war das wirklich so: Du bist einfach in deinen Laden gegangen, das war im Speicher, und dann war da ein Konzert. Und dann hast du da eine Band gesehen. Und in den meisten Fällen fand ich das geil. Und dann hast du dir vielleicht mal die Platte gekauft. So war das damals. Heutzutage, das lässt sich auch in allen Interviews feststellen und wir selber sagen das auch, läuft das oft einfach ganz anders. Die Leute gehen nicht einfach in den Laden, weil da ne Band spielt.
Marten: Und nicht nur bei jungen Leuten. Ich habe neulich mit ein paar alten Kumpels geredet und meinte „Ich geh heute Abend zu dem und dem Konzert“ und die fragen mich „Haste dir die mal bei Myspace angehört?“. Und ich meinte „Natürlich nicht!“ Ich finde das total wichtig: Eine Band ist live, du gehst auf ein Konzert und findest die geil, und danach kann man sich mal bei Myspace ein Lied anhören, finde ich. So müsste eigentlich der Weg laufen. Man lernt oft auch einfach Sachen von einer anderen Seite kennen, die man sonst vielleicht gar nicht kennen gelernt hätte. Das Geilste, was ich je hatte, war im Speicher: Speicher, Husum, zwei Punkkonzerte im Monat, das ist alles, was du hast. Dann sollten da But Alive spielen und alle waren schon ganz aufgeregt, es war ausverkauft. Dann sind But Alive krank geworden und stattdessen haben I Spy gespielt, eine Band aus Kanada, die haben 20 Minuten gespielt und mir ist alles weggeflogen. Ich wär sonst wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mir eine Platte von I Spy zu kaufen.
Tobert ist der einzige Hamburg-Abtrünnige. Hattet ihr anderen nie Ambitionen, weiter von Husum wegzukommen als Flensburg?
Marten: Flensburg ist eine wunderschöne Stadt. Ich mag das auch, ich bin ja die meiste Zeit weg und wenn ich dann zu Hause bin und da durch die Straßen laufe, finde ich das schön.
Tobert: Das ist ja auch sehr hübsch da.
Seht ihr durch den gesteigerten Bekanntheitsgrad auch eine gesteigerte Verantwortung mehr zu bewegen oder mehr Dinge anzuprangern?
Marten (vollkommen ernst): Ich denk darüber ganz häufig nach. Wirklich. Jeder, der Turbostaat hört, weiß, dass wir nicht unbedingt Freunde davon sind, den Leute zu befehlen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Aber manchmal denkt man da schon intensiv drüber nach. Ich bin da aber noch zu keinem Ergebnis gekommen, wie und in welcher Form ich das machen wollen würde.
Tobert: Aber es ist schon so, wenn man so einen knackevollen Konzertladen hat, da habe ich Momente, in denen ich denke ‚Peace!’ Ich hatte das mal auf einem Konzert im
Hamburger Hafenklang bei Delleck und Tragedy – ich hab vorher noch nie in meinem Leben das Gefühl gehabt ‚kann doch bitte, bitte jemand jetzt den ersten Stein werfen?!’ Es war so on fire. Tragedy ist so eine Hardcore-Geballer-Band, die sind verdammt laut und Konsens in der Szene, und alle waren da voll bei. Und dann hat Delleck, so ein super-düsterer Hip-Hop-Typ, gespielt. Und der hat dann Licht aus gemacht, war total laut und hat echt kryptische Lyrics. Und die ganzen Crust-Punks waren da und sind da drauf abgegangen. Und der hat immer wieder so was wie „Lass uns rausgehen und die Paläste abbrennen!“ rausgehauen und es war so verdammt laut und ich habe gedacht ‚Alter, lasst uns alle rausrennen und die Scheiße kaputtmachen!’ Und das denke ich dann auch manchmal bei unseren Konzerten: Wie kriegst du das transportiert? Wie bringst du so was rüber? Aber bis jetzt habe ich noch keine genaue Idee, wie.
Marten: Manchmal denkt man sich das schon: Durch dieses Major-Ding, dadurch, dass man ein Video bei MTV und Titelstorys hatte, kommen natürlich auch andere Leute dahin als die, die eh schon zu den besetzten Häusern kommen. Das wär noch mal ne gute Überlegung, wie man denen noch mal ein paar Dinge klarmacht. Obwohl man versucht das ja auch durch die Texte und so was, das geht ja auch schon.
Tobert: Bei solchen direkten Sachen fehlt mir der Ansatz. Das käme so knackenhohl, wenn wir nach dem Konzert sagen würden: „Ey, tut uns einen Gefallen und werft das Kleingeld, das ihr in der Tasche habt, in einen Hut, wir spenden das für was Geiles.“
Marten: Wir müssen da mal drüber nachdenken, da wir das ja nicht so übers Knie brechen wollen. Wir haben dieses Selbstbild ja auch gar nicht: Im Punkrock ist es immer noch so, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem, der auf, und dem, der vor der Bühne steht. Und mit dieser Einstellung laufe ich auch auf Konzerten rum, und das sehen halt viele Leute, die jetzt so dazugekommen sind, nicht so. Vielleicht lernen die es mit der Zeit, aber eigentlich muss ich denen auch nicht irgendetwas klar machen, weil ich kein Pädagoge bin und auch nicht deren Lehrer und schon gar kein Führer und so etwas auch ablehne.
Bei „Island Manöver“ habt ihr euch zum ersten Mal hingesetzt und bewusst gesagt „Wir schreiben jetzt ein Album“. Wie kam es dazu, hattet ihr bei den anderen Alben im Nachhinein das Gefühl, dass sie ein wenig willkürlich zusammengesetzt waren?
Tobert: Wir wollten das gerne machen. Wir wollten gerne ein neues Album machen. Wir haben viele Konzerte gespielt und gemerkt, dass dieses alte Verfahren, dass wir proben und neue Lieder machen, diesmal nicht funktioniert. Wir hatten nichts, wollten neue Lieder haben und eine neue Platte machen. Also haben wir uns gesagt, dass wir es diesmal so machen: Wir setzen uns hin und fangen jetzt an und dann sind wir fertig.
Marten: Wir waren ein leerer Globus und es hat auch hammerlange gedauert, bis wir miteinander gespielt haben und die Maschine wieder in Gang kam. Aber dann ging das auch wieder alles. Es war natürlich insofern interessant, weil man vorher nicht genau wusste, was dabei herauskommt. Ich hab die ganze Zeit daran gezweifelt, dass wir es schaffen, Tobert meinte immer „Ja, das wird schon alles“. Das war super interessant.
Tobert: Meine Herangehensweise an das Album waren Dinge, von denen ich wusste, dass sie in der Form nicht aufs Album kommen werden. Wenn ich was gemacht habe, dann habe ich immer versucht, mich so weit wie möglich aus dem Fenster zu lehnen, damit beim zu erwartenden Wegstreichen von Faktoren wenigstens was übrig bleibt. Ich bin nicht so da
rangegangen, dass ich dachte ‚Welche Lieder hatten wir vorher, was hat gut funktioniert? So was können wir noch mal machen!’ Das haben wir diesmal nicht gemacht, das hätte nicht funktioniert und das wollten wir auch nicht.
Das klingt ja irgendwie schon nach Konzeptalbum.
Tobert: Das Konfektalbum, das kannst du schreiben!
Marten: Nein, das ist kein Konzept. Und wenn dann ein sehr loses Konzept.
Tobert: Mir ist mal aufgefallen, dass man ein Konzeptalbum dadurch gestalten kann, dass man behauptet, dass es ein Konzeptalbum ist. Hinter jedem Album steckt in gewissem Maße eine Konzipierung. Und wenn ich mich jetzt hinstelle und sage „Wir machen ein Album und alle Lieder sind auf A!“, aber ich erzähle das keinem, dann wird nachher keiner ankommen und fragen „Kann es sein, dass die Konzipierung des Albums ist, dass alle Lieder auf A sind?“ Ich finde dieses Modell auch ein bisschen überholt.
Marten: Aber so ein richtig geiles Konzeptalbum wie Judas Priest über Nostradamus…
Tobert: Ich hätte auch Bock gerade drauf.
Marten: Ich hätte Bock, eins über Lotto zu machen. Finde ich ähnlich interessant wie Nostradamus.
Tobert: Oder als Konfektalbumansatz so ein Eis-Album. Malaga zum Beispiel.
Marten: Oder Husumer Kirmes.
Tobert: Hurtigruten. Ich bin dabei!
Marten: Das ist toll, da kann man saunieren. Am Schiff haben die Glassaunen dran. Das heißt, du fährst übers Meer, guckst in diese eiskalten Fjorde und sitzt gerade in einer Sauna rum und lässt dich dort ordentlich durchschwitzen – finde ich geil!
Kann man denn sagen, dass inhaltlich ein Schwerpunkt auf dem Individuum in der Gesellschaft liegt? Der Isolationsfaktor kommt ja schon sehr häufig vor. Man hat das Gefühl, das sind Personen, die abseits der eigentlichen Gesellschaft leben oder sich in so eine Position hineindenken.
Marten: Das stimmt schon. In den drei Monaten, in denen du die Texte schreibst, bist du in der und der Stimmung und schreibst alle Texte für eine Platte.
Lernst du da manchmal im Nachhinein auch etwas über dich selber? Dass du in der und der Stimmung warst und das zu der Zeit vielleicht gar nicht wahrgenommen hast?
Marten: Ich habe bei jeder Platte immer irgendein Lied, das ich dann erst später kapiere. Nicht, was es ausdrückt, sondern welchen Bezug es auf mein persönliches Leben hat. Welches Lied das diesmal ist, das geht euch nichts an.


































