The Devil’s Blood – Selim Lemouchi im Interview
September 2009
“Geh einfach vor dem Gig zum Merch und frag nach Bidi – dann könnte das mit dem Interview klappen!”, so die Reaktion auf eine Interviewanfrage mit The Devil’s Blood. Also geht Ben vor dem Gig zum Merch und fragt nach Bidi – und dann hat das mit dem Interview tatsächlich geklappt! Mastermind Selim führt in den Backstage-Bereich, richtet Sitzgelegenheiten her und bietet Bier an. Moment mal – sollte er nicht eigentlich Schweine schächten, sich mit deren Blut beschmieren und mit dem Beelzebub Kontakt aufnehmen, so kurz vor der Show? Sorry: So kurz vor dem Ritual – die Wortwahl ist wichtig bei dieser Band. Sorry: Bei diesem Kult! Gar nicht so einfach, diese skurrilen Niederländer, die mit “The Time Of No Time Evermore” ein anbetungswürdiges Debüt hingelegt haben. Zur Überraschung ist Selim, der eine Stunde später mit Schweineblut beschmiert und von Satan besessen auf der Bühne stehen wird, ein angenehmer Interviewpartner.
Hej Selim! Ihr haltet gleich eins eurer Rituale ab – ist es okay, wenn wir jetzt noch ein Interview machen?
Klar, wir haben gerade unseren Soundcheck gemacht, das ist völlig in Ordnung.
Vor einem Devil’s-Blood-Event dachte ich irgendwie an etwas…
Spirituelles?
Genau.
Nun, das jetzt ist die Zeit vor der Show, in der wir uns wie Idioten aufführen und Spaß haben können – letzten Endes sind wir ja auch nur Menschen. Der Moment der Vorbereitung kommt dann kurz vor der Show. Jeder bei uns hat da sein eigenes Ritual, bei mir ist das so: Wenn der Support anfängt zu spielen, versuche ich, mich von allen anderen zu distanzieren, meine Meditationen zu machen und mich darauf zu konzentrieren, was ich
ausstrahlen und aus meinem Innersten austreiben will. Das dauert immer ein bisschen, bis ich an diesem Punkt angelangt bin, normalerweise eine halbe Stunde.
Gibt es wirklich jedes Mal etwas, das du austreiben möchtest, oder ist es manchmal auch schwierig, in die richtige Stimmung zu gelangen?
Manchmal schon, weil jede Situation anders ist und manchmal die Dinge gegen dich arbeiten. Es gibt Tage, an denen du dich mit so profanen Dingen wie dem Venue, dem Schedule, den Umkleiden oder was auch immer herumärgern musst – das kann natürlich die Konzentration immens stören. Bei mir führt das meistens dazu, dass es mich frustriert und wütend macht, was für ein Ritual natürlich noch besser ist: Wenn man nämlich auf die Bühne geht mit diesem starken Gefühl von Hass und Wut auf alles – die Band, die Leute, das Publikum, den Venue selbst – dann kann auch das sehr viel Kraft haben. Wenn alles nach Plan verläuft, kommt es meistens zu einer Interaktion mit dem Publikum und es wird ein wenig fröhlicher. Wenn jedoch ein paar Dinge schief gegangen sind, wird es grimmiger – um mal ein dummes Wort zu benutzen.
Ihr behauptet, während eures Rituals auf der Bühne von Satan besessen zu sein.
Richtig.
Und danach, sagt ihr, kann jeder wieder in sein normales Leben eintauchen.
Mehr oder weniger, ja.
Besessen sein, nicht besessen sein – wie ist es möglich, so etwas zu planen?
„Normal“ ist natürlich ein ziemlich relativer Begriff. Für mich persönlich bedeutet es, dass ich wieder zu der Person werde, die ich war, bevor ich die Bühne betreten habe – eine Existenz, die natürlich ebenfalls mit Chaos und Ärger angefüllt ist. Was ich mit der Aussage, von Satan besessen zu sein, eigentlich meinte, war, dass du in den 45 bis 90 Minuten, in denen du dein Ritual performst, einfach alles gibst – du schaust sehr tief in
dich selbst, holst alles heraus, was in dir ist, and versuchst, die Verbindung so kraftvoll wie möglich werden zu lassen. Das ist der Moment, in dem man von Satan besessen wird, weil der Geist der Auflehnung, der Opposition und des Antagonismus zum einzigen Fokus deiner Energie wird. Dann können ein paar sehr interessante Sachen in deinem Kopf und auch in der Realität geschehen, weil die Leute darauf reagieren. Die merkwürdigsten Dinge passieren dann – manche Leute verlieren den Verstand und drehen einfach nur durch, andere stehen nur da und lassen sich vollkommen von dem Erlebnis überwältigen. Und danach, wenn man fertig ist, braucht man ein wenig Zeit – ich kann nicht einfach von der Bühne direkt zur Bar gehen und was trinken, weil alles, was in mir ist, die ganzen Emotionen, so gewaltig sind, dass es negative Begleiterscheinungen nach sich ziehen könnte. Ich muss erst ein wenig runterkommen, vielleicht eine Dusche nehmen, mich hinsetzen und ein paar Biere trinken and Drogen rauchen (*lacht*). Was auch immer einem hilft, wieder auf die Erde zurückzukommen.
Wenn du auf der Bühne performst, bist du also nicht auf der Erde?
Nein, ich denke nicht. Ich glaube, wir wandeln irgendwie zwischen den Welten. Ich bin wirklich fest davon überzeugt, dass das, was wir tun, eine Art ritueller Magie ist – eine sehr grundlegende, simple Form davon. Was sie tut, ist, dass sie eine Art Tor öffnet und unterschiedlichen Realitäten oder Unrealitäten, oder wie man es nennen mag, erlaubt, in diese Phase einzudringen. Und das alles führt dich an einen anderen Ort, an dem sich alles verändert – jedes Molekül nimmt dort eine andere Form an.
Was genau ist aber der Unterschied zwischen dem „Besessen sein von Satan“, wie du es nennst, und der Magie von Musik, wie man sie bei vielen anderen Bands erfährt?
Nun, ich glaube, dass Musik ein Werkzeug ist. Sie ist eine Form der Konzentration, wie es ein Mantra für einen Hindu ist – wenn du das Mantra aufsagst und eins mit ihm wirst, dann öffnest du wie bei der Musik deinen Geist, du öffnest Türen. Wir haben die Musik als unser Werkzeug gewählt, ein praktizierender Okkultist wählt vielleicht die Magie oder die Beschwörung von Geistern. All diese unterschiedlichen Möglichkeiten haben einen gewissen Charme, eine gewisse Kraft. Für mich funktioniert die Musik am besten. Lass mich mal kurz Bier holen. (Holt mal kurz Bier.)
Auf Spiegel Online habe ich einen Artikel über euch gelesen, dort hieß es, dass ihr eine der aufregendsten Newcomer-Bands in der Metal-Szene wärt. Das sehe ich genauso – dennoch ist euer steiler Aufstieg schon ein wenig überraschend, oder?
Stimmt, wir kamen schon ein bisschen aus dem Nichts. Ich kann nur sagen, dass The Devil’s Blood meine Art war, all die Dinge auszudrücken, von denen ich eben gesprochen habe, als wir damals angefangen haben.
Das war noch mal wann genau?
Ende 2007. Ich hatte schon ein bisschen länger Songs geschrieben, seit Anfang 2007, dann gab es aber eine kleine Auszeit, bis wir im Oktober und November ein Line-up zusammengestellt haben. Wir haben schon immer nach der „mal sehen, wo es und hinführt“-Methode gearbeitet: Wir gingen in den Proberaum, weil wir dachten, dass es interessant wäre, die Songs, die ich geschrieben habe, zusammen zu spielen. Und dann kam plötzlich ein Label und wollte etwas mit uns veröffentlichen. Und wir haben gefragt ‚Okay, zahlt ihr dann auch für alles?’ Und als sie ja sagten, haben wir gedacht ‚klar, warum eigentlich nicht?’ Wir haben also etwas aufgenommen, das ein paar positive Reaktionen ausgelöst hat, und dann wollten sie sogar ein ganzes Album mit uns machen. Und von da an haben wir alles ganz spontan auf das aufgebaut, was wir bereits hatten. Es war nicht so, dass wir gedacht haben ‚oh, in anderthalb Jahren sind wir da und da!’, da wir uns der Tatsache bewusst sind, dass das Leben etwas Flüchtiges ist – es ist einfach schwierig, Dinge zu planen. Ich habe keine Ahnung, was ich nächste Woche machen werde, ich weiß noch nicht mal genau, wo wir morgen spielen werden. Schmiede niemals irgendwelche Pläne, das ist meine Einstellung. Schau einfach nur, wohin es dich trägt. Und da das natürlich eine ziemlich dumme Einstellung ist, um auf geschäftlicher Seite irgendetwas zustande zu bringen, dachten wir uns, dass es eine gute Idee wäre, jemanden anzuheuern, der diesen Bereich für uns übernimmt. Ich muss mich also nicht um so uninteressanten Quatsch kümmern wie Rechnungen, Mietautos und so etwas.
Irgendwie ist es doch aber merkwürdig: The Devil’s Blood zollen Psychedelic Rock-Bands der 60er und 70er Jahre Tribut, Bands wie Coven oder Jefferson Airplane. Blut auf der Bühne einzusetzen, ist ebenfalls alles andere als neu. Was macht eine Band wie The Devil’s Blood im Jahr 2009 so faszinierend für die Leute?
(*Haucht*) Ich weiß es nicht. Und irgendwie will ich es auch gar nicht wissen. Die Interpretation ist der Schlüssel – meine Interpretation dieser Musik und dieser Band ist für mich. Und deine Interpretation ist für dich, jeder, der sich damit auseinandersetzt, nimmt es unterschiedlich wahr. Ich habe genug Probleme damit zu erkennen, was in meinem eigenen Kopf abläuft – von dem anderer Leute ganz zu schweigen. Insofern denke ich da gar nicht drüber nach. Wenn du über die Straße gehst und einen 50-Euro-Schein findest, dann hebst du ihn auf und steckst ihn in deine Tasche. Du fragst dich aber nicht, wie er dorthin gekommen ist. Vielleicht ist das Pragmatismus. Wie ich schon gesagt habe: Man schaut, wohin es einen trägt.
Ich hab mal einen 100-Mark-Schein gefunden. Und dann habe ich eine halbe Stunde auf dem Parkplatz gewartet, ob jemand kommt und nach ihm sucht.
Dann bist du ein besserer Mensch als ich.
Eigentlich war ich nur jung und dumm damals.
Du hast nach deinen eigenen Prinzipien gehandelt, und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Ich stimme vielleicht nicht mit ihnen überein, aber du hast nach ihnen gehandelt – und das stellst du nicht in Frage, weil es sich für dich natürlich und richtig anfühlt. Auf vielen Ebenen ist das, was sich für mich natürlich anfühlt, für andere Menschen äußerst unnatürlich. Also müssen sie herausfinden, worum es geht, und vielleicht finden sie bei diesem Prozess auch etwas über sich selbst heraus.
Soll das den Hörern von The Devil’s Blood auch so ergehen? Dass sie die Musik hören und etwas über sich selbst herausfinden?
Das ist für mich der interessante Part: Den Leuten zu helfen, ihre eigenen Wahrheiten in den Texten und der Musik zu finden. Ich denke, dass jeder Künstler danach strebt. Wenn
du in ein Museum gehst und ein wirklich gutes Bild von Picasso siehst – interessierst du dich dann für das kleine Schild daneben, auf dem steht, was es sein soll, oder interessierst du dich für deinen ersten visuellen Eindruck? Das ist doch das, was kraftvoll ist, was du letztlich mitnimmst. Mit der Musik ist es genau so: Es geht um das Gefühl, das sie dir gibt, und die Dinge, die sie dir sagt. Dinge, die du vielleicht durch sie lernst oder auch verlernst, was in unserer Welt und der Gesellschaft, in der wir aufwachsen, fast noch wichtiger ist. Denn von dem Moment, in dem du geboren wirst, wird dein Gehirn nur mit Schwachsinn vollgestopft. Für mich persönlich ist The Devil’s Blood eine Möglichkeit, diesen Schwachsinn zu verarbeiten und zu etwas zu verarbeiten, das mir etwas bedeutet. Wenn unsere Musik das auch bei anderen Menschen auslösen könnte, wäre das großartig.
Du exorzierst mit der Musik also deine Dämonen?
Im Prinzip schon. Ich habe sie durch wahre Dämonen ausgetauscht. Und das bedeutet Weisheit.
Weisheit ist ein Dämon?
In der alten griechischen Mythologie bedeutet Dämon „der Weise“. Das sollte dir was geben, über das du nachdenken kannst!


































