Sido im Interview
Vom Rüpel-Rapper zum ernstzunehmenden Musiker: Sido ist erwachsen geworden und aus der deutschen Musiklandschaft mittlerweile nicht mehr wegzudenken. MTV ehrte ihn kürzlich sogar mit einem “MTV Unplugged”, das nun als CD/DVD-Kombi erhältlich ist und prompt auf Platz 2 der Album-Charts eingestiegen ist. Respect, Alter! Ben sprach mit dem sympathischen Berliner – ohne selbst auch nur die geringste Ahnung von oder das rudimentärste Interesse an HipHop zu haben. Geschenkt – Sido ist ein Guter, word!
Wie geht’s dir, Sido?
Mir geht’s doch schön! Das ist aber nur ‘ne Floskel.
Ach, dann geht’s dir gar nicht schön?
Doch, aber deine Frage war ja auch bloß ‘ne Floskel.
Wenn man sich Sido heute und Sido vor zehn Jahren anguckt, dann ist das schon ein großer Wandel in der Außendarstellung. Würdest du sagen, dass du in den letzten zehn Jahren einen wichtigen Reifeprozess durchgemacht hast?
Ja, aber das erwarte ich eigentlich von jedem normalen Menschen, dass er irgendwann mal einen Reifeprozess durchmacht und dann erwachsen wird.
Einige sind ja schon mit Anfang 20 ausgereift.
Ja, aber die Möglichkeiten hatte ich damals leider nicht. Ich war kein Typ, der eine Ausbildung hatte und wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Zu der Zeit war ich noch ziemlich orientierungslos. Als die Musik dann funktioniert hat, wusste ich, was ich machen soll. Davor war Musik eher ein Hobby und man hat versucht, sich damit über Wasser zu halten. Aber so richtig das Ding für die Zukunft war das irgendwie nicht.
Würdest du sagen, dass du heute ein fröhlicherer oder ausgeglichenerer Mensch bist als früher? Hast du dir die jugendliche Wut von der Seele gesungen?
Ich war früher auch fröhlich und ausgeglichen. Ich konnte mir schon immer alles gutreden
und verdrängen. Ich glaube nicht, dass ich heute glücklicher bin als damals, ich bin immer voll zufrieden mit dem, was ich habe. Mal ist es mehr, mal ist es weniger.
Sido ist also ein Optimist.
Voll. Meine Musik war jetzt auch nicht immer voll auf die Fresse. Es ging schon darum zu zeigen, dass man sechs Eier hat und der Coolste von allen ist. Aber mittlerweile habe ich das nicht mehr nötig. Das ganze Land weiß, dass ich sechs Eier hab’, ich hab’ die oft genug gezeigt, die haarigen Dinger, und jetzt muss es langsam jeder wissen. Ich hab’ es jetzt nicht mehr nötig mich zu beweisen und so. Jetzt ist es an der Zeit zu beweisen, dass ich wirklich auch ein guter Musiker bin, dass ich auch den Anspruch habe, gute Musik zu machen.
Aber der Mann von heute rasiert doch seine haarigen Eier.
Ja, ich weiß, aber manchmal stehen da noch so ein, zwei Dinger, weil ich da nicht so gründlich bin. Kennste das, wenn da noch so ein, zwei lange Haare hängen am Sack, Alter? So ist das bei mir. Sechs Eier und für jedes Ei ein Haar.
Eine zeitlang hatte Sido – gerade im Mainstream – ja etwas Verruchtes, Gefährliches an sich, oder?
Das ist ja immer noch so, würde ich sagen.
Aber wenn man dich jetzt beim MTV Unplugged da stehen sieht, in perfekter Schwiegersohn-Montur und mit schicker Krawatte, dann ist das ja schon ein großer Unterschied zum Baggy-Pants-Hip-Hopper.
Hör mal, ich bin ja auch nicht mehr das Sprachrohr der Jugend und ich möchte das auch nicht mehr sein! Der Typ, der die Fahne für die Jugend hochhält und über Jugendprobleme redet – das kann ich auch nicht mehr, ich werde 30 dieses Jahr. Ich habe den Anspruch an meine Musik, dass sie authentisch ist und dass ich nicht irgendeinen Scheiß erzähle. Und nur weil es funktioniert hat, würde ich den „Arschficksong“ nicht mehr machen, das muss sich irgendwie weiterentwickeln, das ist wichtig. So wie ich bin, so klingt meine Musik. Und vor zehn Jahren, als man das erste Album gehört hat, war mein Leben eben entsprechend orientierungslos: keine Perspektive, auf der Straße gelebt, in einem Mäuse-Rattenloch geschlafen. Das war ein richtig anstrengendes Leben, und so klingt meine Musik von damals. Mittlerweile hat sich das alles gelockert, ich komme immer mehr zur Ruhe und so
klingt jetzt meine Musik. Ein bisschen nachdenklicher vielleicht. Früher war es viel plumper, heute ist es eben ein bisschen poetischer von mir aus, oder nachdenklicher. Meinem Alter entsprechend.
Es gibt ja auch nichts Schlimmeres als Leute, die mit 50 noch über die Jugend singen.
Campino.
Du kommst heute ja schon ein bisschen intelligenter rüber, auch optisch, mit der Brille und so.
Die Brille trage ich ja auch schon immer. Ich bin schon immer so schlau wie ich heute bin. Ich bin jetzt über die Zeit nicht schlauer geworden oder so ein Scheiß, ich bin schon immer so.
Vielleicht war es die Maske, man hat dich ja nie gesehen.
Ja, und die bunten großen Klamotten. Das Ding ist: HipHop ist eigentlich voll verkommen in Deutschland. Die Meinung über HipHop ist: Das sind die Proleten, die Quoten-Rüpel und so weiter. HipHop hat keinen guten Stand in Deutschland und deshalb haben auch die Akteure keinen guten Stand, ist ja klar. Ich glaube aber, dass mir so ein MTV Unplugged ein paar Türen aufmacht in andere Haushalte, die mit HipHop eigentlich nichts zu tun haben würden. Es wird mir ein paar Wege ebnen, auch wenn es die selben Songs sind, die habe ich ja nicht extra neu gemacht. Wenn es diese normale HipHop-Verpackung hat, dann ist das für die Leute ja grundsätzlich immer ein Nogo, und mit der Unplugged-Verpackung ist es irgendwie legitim, da doch mal reinzuhören. Ich glaube auch, an Sido kommt man gar nicht so richtig vorbei.
Im Album-Info steht, dass MTV dich mit dem Unplugged geadelt hätte. Empfindest du das ähnlich, fühlst du dich geadelt?
Also wenn man mal guckt, wer da alles in der Riege der Unplugged-Künstler in Deutschland oder in der ganzen Welt ist – das sind so um die 50 weltweit und das gibt’s seit 1990. Und in Deutschland bin ich der siebte, seit es das gibt, und da reihe ich mich wirklich in große Namen ein: Herber Grönemeyer war der erste, dann Die Fantastischen Vier, Die Toten Hosen oder Die Ärzte nicht zu vergessen, die wirklich das Spektakulärste Unplugged gemacht haben – nach meinem (*lacht*). Wirklich große Namen, in die man
sich da einreihen darf, man kann sich also schon geadelt fühlen. Zumindest fühle ich mich jetzt in den Kreis der ernstzunehmenden Musiker aufgenommen.
Nach welchen Kriterien hast du die Songs für das Unplugged ausgewählt – ist das ein Querschnitt durch dein Künstlerisches Schaffen oder steht da noch eine andere Idee dahinter?
Es sind natürlich zum einen die Singles und dann auch noch Songs, die ein wenig nachdenklicher und bedächtiger sind, was man mit einer einsamen Violine natürlich viel besser umsetzen kann. Und natürlich Songs, die zum Märkischen Viertel passen: „Mein Block“ oder „Straßenjunge“, weil es ja auch live aus dem Märkischen Viertel ist. Und „Da Da Da“ lag einfach daran, dass ich, glaube ich, der größte Stefan-Remmler-Fan bin, den es noch gibt auf der Welt. Deswegen musste ich den Typen unbedingt dabeihaben. Auch bei Adel Tawil fand ich es großartig, dass ich den dabeihaben kann. Ich habe einfach die Songs ausgesucht, die ich für meine größten halte.
Die „HipHop-mäßig bekritzelte Bank“ spielt eine Zentrale Rolle bei dem Konzert und ist auch auf dem Cover abgebildet.
Das ist schon so ein Symbol für HipHop: Oben auf der Banklehne sitzen, die Bank „betaggen“, spucken, kiffen – meine Jugend hat sich damals viel um so eine Bank gedreht. Die Bank war so das zentrale Ding für uns: Wir haben uns an der Bank getroffen, wir haben da rumgehangen, das war dann sozusagen unsere Bank. Und wenn man beim Konzert schon sitzen muss, weil einem MTV die Auflage gibt, dass alle Künstler sitzen müssen, dann machen wir das eben auf der Bank.
Gab es noch irgendwelche anderen Auflagen von MTV?
Ja, ich brauchte einen Cover-Song, Features und einen komplett neuen Song. Das sind schon ganz schön viele Auflagen.
Hast du mal drüber nachgedacht, das deswegen zu canceln, nach dem Motto „Was soll der ganze Mist – ich mach HipHop!?“
Wie, nur weil ich jetzt HipHop mache, muss ich mich nicht an die Auflagen halten oder was (*lacht*)? Nee, also ich hab’ schon versucht mich da einzufügen – ich glaube, dass das
Unplugged schon dadurch einzigartig genug ist, dass es ein HipHop-Unplugged ist. Davon gibt’s nur drei Stück bis jetzt: Eins von Jay-Z, dann gab’s eins für „Yo! MTV Raps“, wo mehrere Künstler was gemacht haben, und dann gibt’s jetzt halt mich. Und das macht die ganze Sache schon ziemlich einzigartig. Da muss ich jetzt nicht da rausstechen, indem ich mich nicht an die Auflagen halte. Alle anderen 50 haben es auch getan.
Wie schwer war es, eine sehr auf Körpersprache setzende Musik wie HipHop in diesem engen Korsett zu performen?
Ach, das geht – wir haben früher auch die ganze Zeit gesessen, auf der Bank gechillt und gerappt, das tut der Sache keinen Abbruch. Ich bin sowieso nicht so ein Typ, der auf der Bühne rumhüpft. Ich versuche immer, mich dem Song entsprechend zu bewegen, und deswegen passte das beim Unplugged eigentlich schon ganz gut. Dass ich sitzen musste, hat mir da also nicht so reingefunkt.
Dein Outfit ist sehr elegant und stylisch – hattest du Bedenken, ob dieser Look überhaupt zum Märkischen Viertel passt?
Ich fand, dass das Style hatte. Aber ich habe tatsächlich lange überlegt: Zieh ich einen Hoodie an und setz die Kapuze auf? Aber das bin ich einfach nicht mehr. Ich würde mich verkleiden, wenn ich mich da mit weißer Lederjacke oder so ‘nem Scheiß hinsetzen würde. Das heißt nicht, dass ich jetzt gerne Hemd und Schlips trage oder so, aber normalerweise müsste man sich da sicher einen Anzug anziehen und mit dem Orchester auftreten, und ich fand, das war schon so ein guter Kompromiss: Die ganze Band in T-Shirts und ich habe ein ziemlich offenes Hemd und eine grüne Krawatte als Stilmittel. Ich habe mir tatsächlich einen Kopf darum gemacht, was ich anziehe.
Ist das Album auch eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin oder das „MV“?
Das ist schon eine Liebeserklärung an beides, obwohl das „MV“ im Vordergrund steht, weil auch der ganze Hintergrund und das Bühnenbild aus Hochhäusern besteht. Es steht also eher fürs Märkische Viertel, im Grunde aber auch für Berlin – mir ist meine Stadt und die Gegend, aus der ich komme, einfach voll wichtig. Für mich war es auch keine Frage, als ich gefragt wurde, von wo das Unplugged kommen soll – für mich war klar, dass es ein Unplugged aus dem Märkischen Viertel sein muss, da musste ich gar nicht überlegen. Und ich kann dir auch gar nicht sagen, wieso oder warum – für mich gehört sich das einfach so, da muss ich gar nicht drüber nachdenken.
Wie stehst du generell zu deiner Heimatstadt heute? Hat sie sich sehr verändert in den letzten Jahren oder ist der Spirit im Kern der gleiche geblieben?
Hat sich voll verändert, weil hier kaum noch Berliner sind – die Berliner werden alle
vertrieben aus diesen einschlägigen Bezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg und so. Kaum noch Berliner in den schönen Bezirken, das ist schade.
Du hast gesagt, dass es auch eine etwas nachdenkliche Songauswahl sein sollte. Zum Beispiel hast du den Song „Mein Testament“ gespielt – denkt Sido öfter über den Tod nach?
Nö, nich wirklich. Es gibt Zeiten, in denen man viel Zeit zum Nachdenken hat, und dann denkt man bestimmt auch mal darüber nach. Aber das ist jetzt nicht so ein großes Thema für mich. Ich musste das mal machen, ein Testament schreiben, weil ich finde, dass es jederzeit passieren kann – man muss eben auf alles vorbereitet sein, und das versuche ich eben immer. Und da braucht man so was auch, so früh wie möglich.
Zum Schluss klang auch durch, dass du ein gläubiger Mensch bist – korrekt?
Ja, aber nicht so, wie die Bibel das gerne möchte. Ich glaube, dass es da irgendwo was gibt, ja.
Wie du schon gesagt hast, wirst du 30 dieses Jahr – schon Schiss?
Na ja, ich gehöre dann zu den Leuten, die ich vor fünf Jahren noch als alt bezeichnet habe. Aber ich lebe damit – Campino werde ich nicht.
Wie könnte sich Sido in den nächsten zehn Jahren entwickeln? Worüber wirst du singen?
Es wird immer so sein, wie ich bin – wer weiß, was passiert? Ich habe jetzt erst mal nicht vor, ein Album zu machen, ich brauche jetzt wirklich ein bisschen Abstand. Und wenn es dann soweit ist – wer weiß?! Aber ihr könnt auf jeden Fall sicher sein, dass es so ist, wie ich gerade bin. Wenn ihr dann also wissen wollt, wie es um mich steht, braucht ihr mein Album.
Interview: Ben Foitzik / 27. April 2010 / Phoner
Bilder: Universal Music


































