Plan B – Ben Drew im Interview
Schön ist’s an diesem Junitag im herrlichen Hamburg. Deswegen verlegt Interviewpartner Ben Drew das Gespräch auch kurzerhand aus der stickigen Hotelbutze auf den sonnenüberströmten Balkon. Ben wer? Ben Drew heißt der selbsternannte “Macker”, der auch und besser unter seinem Künstlernamen Plan B bekannt ist. Mit “The Defamation Of Strickland Banks” hat Drew nun sein zweites Album auf den Markt gebracht, das in UK auf Anhieb die Pole der Charts erstürmte. Und das, obwohl der sympathische Brite nicht mehr – wie auf dem Debüt “Who Needs Actions When You Got Words” – harten Raps frönt sondern ein lupenreines Soul-Album im Stile alter Motown-Klassiker abliefert. Es besteht viel Gesprächsbedarf. Gut, dass Ben Drew viel Redebedarf hat.
Ich finde deine neue Platte großartig – obwohl ich eigentlich nicht auf Soul sondern Metal stehe. Warum funktioniert deine Musik so universal?
Es ist einfach gute Musik. Ich liebe auch viele verschiedene Musikstile – aber nur, wenn die Musik gut ist. Ich bin zwischen vielen unterschiedlichen Arten von Musik aufgewachsen, und das ist ja auch das Tolle an England und speziell London: Es ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Das ist der Schlüssel: Machst du gute Musik, die von Herzen kommt und die du liebst, dann – Scheiße! – dann werden da viele Leute drauf stehen!
Obwohl London ein, wie du sagst, Schmelztiegel ist, hältst du dich selbst immer an einen Sound: Auf deinem Debütalbum war es Hip-Hop, jetzt ist es klassischer Soul. Warum kombinierst du die Stile nicht miteinander?
Ich habe das tatsächlich bei diesem Album probiert, denn ursprünglich sollte es ein Hip-Hop-Album sein. Letzten Endes sind aber zwei verschiedene Alben dabei herausgekommen – ein Soul-Album und ein Hip-Hop-Album, die die gleiche Geschichte erzählen. Das ist so, als hätte man einen europäischen Film, der richtig erfolgreich ist in Europa, und von dem dann ein amerikanisches Remake macht. Es fühlt sich so an, als hätte ich ein Hip-Hop-Album und danach das Soul-Remake davon gemacht – oder umgekehrt. Allerdings habe ich die Alben gleichzeitig gemacht und wollte sie auch gleichzeitig veröffentlichen. Mein Label
meinte dann aber „Schau, wir geben einen Scheiß auf Hip-Hop: Wir wissen nicht, wie wir das vermarkten sollen, und wir mögen es nicht wirklich. Wir wollen das andere Album!“ Ich fragte dann: „Und was passiert mit dem Hip-Hop-Album?“ und sie sagten „Das kannst du haben, mach damit, was du willst“ – und das war für mich eigentlich ein guter Deal, denn jetzt habe ich die Rechte darauf und kann, während sie das Soul-Album promoten, gleichzeitig Werbung für die Hip-Hop-Scheibe machen.
Für mich ist das Ganze eh ein dreiteiliges Projekt: Zum einen ist da der Soundtrack für den Film, der noch nicht gemacht wurde. Und es gibt den „Film für die Blinden“, das Hip-Hop-Album. Die Leute sagen, „The Defamation Of Strickland Banks“ wäre ein Konzeptalbum, aber das ist nicht ganz richtig, denn das kommende Hip-Hop-Album „The Ballad Of Belmarsh“ ist das eigentliche Konzeptalbum. Die Soul-Platte ist der Soundtrack zu einem Film und funktioniert für sich selbst als eigenständiges Album, da es einen Abriss der Geschichte erzählt. Doch erst wenn der Film und das Hip-Hop-Album erschienen sind, werden die Details verständlich sein. Ein Beispiel: Der Typ, den Strickland in „Prayin’“ einen Engel nennt – wie er heißt und warum er im Gefängnis gelandet ist, erfährt man erst auf dem Hip-Hop-Album und im Film. Du findest heraus, welches Verbrechens er beschuldigt ist, du erfährst mehr über die Leute im Knast, wer sie sind, warum sie es auf ihn abgesehen haben – all das wird erst in den anderen zwei Teilen des Projekts erklärt. Warum ich das mache? Weil ich ein Geschichtenerzähler bin, ein Regisseur. Quentin Tarantino macht Genre-Movies – und nichts anderes mache ich auch. Ich erschaffe sie nur innerhalb der Musik, deswegen war mein erstes Album auch ein Hip-Hop-Album und eine Ansammlung von Kurzgeschichten. Und das zweite ist nun eben eine große Geschichte, die zusätzlich auch noch aus einer Hip-Hop-Platte und einem Film besteht. Meine Ambition ist, dass mich die Leute als Geschichtenerzähler und Regisseur sehen. Die Tatsache, dass ich Musik machen kann, ein musikalisches Gespür habe und gut beim Songwriting bin, ist tatsächlich nebensächlich.
Im Kosmos von Plan B muss also alles von vorne bis hinten einen Sinn ergeben. Warum bist du nicht bei der kleinen Variante geblieben und hast Songs geschrieben, die in sich eine Geschichte erzählen?
Weil ich das verdammt noch mal hasse. Okay, ich hasse das nicht, einige einzelne Songs liebe ich schon. Es ist aber schlicht und ergreifend zu einfach für mich, einzelne gute Songs zu schreiben. Ich habe zum Beispiel sehr gute Sachen mit Chase & Status geschrieben, einer Drum’n Bass-Kombo – die haben die Stücke dann zu D’n’B-Nummern gemacht, die Klubhits geworden sind. Das kann ich den ganzen Tag lang machen, weil ich die natürliche Fähigkeit besitze Songs zu schreiben. Doch das wird irgendwann einfach langweilig, weil es mir so leicht fällt. Wo ist die Herausforderung? Die ganze Sache mit dem Geschichtenerzählen und dem Konzept – das war eine Herausforderung,
das war scheißharte Arbeit, wie ein Puzzle: Wie mache ich dies, wie mache ich das? Die Musik war der scheiß einfache Teil – eine stimmige Story zu erzählen, das war verdammt schwer! Wenn du dir das Ganze als Skript eines Films vorstellst, dann bin ich zig verschiedene Entwürfe durchgegangen: Zuerst war es Soul, Hip-Hop, Soul, Hip-Hop, aber das hat nicht funktioniert und ich habe es ständig transformiert. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass mein zweites Album eine Soul-Platte werden würde, das ist einfach so passiert, weil das Projekt anders nicht funktioniert hätte. Ich weiß auch nicht, es geht um die Herausforderung, Mann, danach strebe ich, danach sehne ich mich!
Jede Form von Musik wurde doch auch schon mal gemacht, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich meinen eigenen Musikstil kreiere, den nie zuvor jemand gehört hat. Also kann ich auch einfach Musik machen, die es bereits gibt, und sie in meiner ganz eigenen Art präsentieren. Eine Art, dies zu tun, ist, indem ich sie in eine Story einflechte. Das ist ja auch das Tolle an dem Album: Es funktioniert als Ansammlung verschiedener Songs, wie jedes normale Album. Wenn du nur eine eingängige Melodie hören willst, kannst du es einfach einwerfen, ohne auf die Geschichte zu achten. Wenn du aber etwas Tieferes darin finden möchtest, dann ist es da. Und wenn dir das noch nicht reicht, dann gibt es noch ein anderes beschissenes Album und einen Film. Deswegen liebe ich zum Beispiel auch Sachen wie „The Wire“ so sehr, das ist eine amerikanische Krimi-Serie, die sechs Staffeln umfasst. Jede der Geschichten fokussiert sich auf eine andere Figur, und doch waren alle irgendwie miteinander verwoben. So etwas finde ich großartig – ich liebe es, wenn man einen Film oder eine Serie guckt, sich die ganze Zeit fragt „was zur Hölle geht hier gerade ab?“ und dann plötzlich alles versteht. Genau das wollte ich auf diesem Album machen, anstatt Musik einfach nur als traditionelle Ansammlung von Songs zu verstehen. Warum können wir Musik nicht mit der gleichen Haltung konsumieren, mit der wir einen Film sehen? Genau diese Idee will ich mit meinem Zeug umsetzen.
Was hat es generell mit der Soul-Musik auf sich, wie und warum ist diese wieder in dein Leben getreten?
Als ich anfing, war ich ein Soul-Sänger. Die ersten Songs, die ich auf meiner Gitarre schrieb, waren Soul-Songs. Ich kann nicht erklären, warum, der Soul kam einfach automatisch aus mir heraus. Nach einer gewissen Zeit fiel es mir allerdings immer schwerer, diese Songs zu singen, weil mir dabei ständig der Hals weh tat. Das Problem war aber einfach folgendes: Ich sang schlicht und ergreifend in der falschen Tonlage! Ich sang in E, dabei ist meine Stimme eigentlich D. Das wusste ich damals natürlich nicht. Ich habe den Scheiß vier Jahre lang ausprobiert, bin ins Studio gegangen um Songs aufzunehmen – aber ich lag immer einen Halbton drunter und sang falsch. Irgendwann dachte ich mir „Weißt du was? Du bist einfach kein Sänger! Akzeptier’ es endlich! Du kannst nicht singen! Gut, du kannst ganz passabel singen, aber es ist nicht gut genug. Du bist ein Songwriter und kein Sänger.“ Also dachte ich mir, dass ich einfach als Songwriter hinter den Kulissen arbeite und so mein Geld verdiene. In der Öffentlichkeit hingegen wollte ich als Underground-Rapper auftreten, auch wenn ich damit höchstwahrscheinlich kein Geld verdienen würde. Aber wenigstens würde mir das Spaß machen. Ich wollte einfach einen neuen Pfad einschlagen, und aus diesem Grund war Plan B auch ein ziemlich treffender Name für mich. Plan A hat nicht funktioniert, bang!, hier ist Plan B! Fang’ an zu fluchen und werd’ wütend!
Während der Promotion des ersten Albums sagte mir dann jeder „du darfst nicht verdrängen, dass das Singen ein Teil von dir ist! Mach ein Rap-Album, mach was du willst, aber sing wenigstens ein kleines bisschen in den Chorussen. Und ich dachte mir „He, ihr habt Recht – warum sollte ich mir einen Sänger besorgen, der den Chorus singt?“. Also war das erste Album ein Rap-Album, auf dem ich in den Refrains ein wenig gesungen habe. Ich habe mir dann eine Band zusammengesucht und wir haben die Songs live gespielt, ohne Backing-Tracks, komplett live.
Und da bekam ich Probleme, denn mit Backing-Tracks hatte ich wenigstens zusätzlichen Gesang, der mich unterstützt hat. Ich habe zu unserem Drummer gesagt „Scheiße, Mann, ich kann diese Songs nicht singen! Bei jedem Gig denke ich aufs Neue, dass das der schwächste Part der Show ist!“ Er antwortete: „Du singst vermutlich in der falschen Tonlage, warum gehst du nicht eine Tonart runter?“ Und ich sagte nur: „Was soll das heißen, eine Tonart runter?“, und er meinte „Na, die Tonart des Songs runtersetzen!“ Also sagte er dem Gitarristen, er solle seine Gitarre auf D runterstimmen. Ich sang einen Song und dachte mir nur „Wow! Warum hat mir das nie einer gesagt, das ist verdammt einfach!“
Nachdem wir das erste Album promotet hatten, fiel es mir also sehr leicht zu singen, und ich hatte auch nie aufgehört, nebenbei weiter Songs zu schreiben. Einer davon war „Love Goes Down“ und ich dachte mir, dass es doch eine Schande wäre, wenn niemand diesen Song hören würde, weil Plan B ein Rapper ist und kein Soul-Sänger. Aber dann dachte ich mir „Scheiß drauf! Plan B ist nicht nur ein Rapper, das Rappen definiert mich nicht. Ich bin ein Storyteller. Das wird funktionieren!“ Mein zweites Album sollte für mich ja schon immer ein Konzeptalbum sein – ich hatte zwar immer gedacht, dass es ein Hip-Hop-Album sein würde, aber dann dachte ich mir „Warum mache ich nicht ein Hip-Hop-Album über einen Soul-Sänger, dann können wir ein paar der Soul-Songs integrieren“. Das haben wir dann auch getan und so wurde „Love Goes Down“ der erste Song des Albums, weil das der Song ist, der den Protagonisten Strickland Banks zum großen Star macht. Und jeder Track danach sollte seinen Niedergang dokumentieren – vom Nummer-1-Album bis ins Gefängnis. Wie gesagt, ich bin viele Transformationen durchlaufen und habe letzten Endes den Hip-Hop vom Soul getrennt. Das war kein ausgeklügelter Plan, da saßen keine Anzugträger zusammen und haben sich gefragt „Wie können wir viel Kohle machen? Ben! Du musst die neue Amy Winehouse werden!“ So war es ganz und gar nicht.


































