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Muse – Chris Wolstenholme im Interview

Muse
August 2009
Mit gemischten Gefühlen schlägt Ben sich durch den Hamburger Regen und schließlich im Hyatt Hotel auf, wo ein iPod mit höchstgeheimem Audio-Inhalt auf ihn wartet. Es winken Listening Session zum neuen Muse-Album und drei Einzel-Interviews mit den Muse-ikern, die zwar stets großartige Musik hervorgebracht haben, letztlich aber nicht in Bens derzeitige Maxime “je böser desto besser” passen. Eine Stunde danach sitzt der soeben mit dem Opus “The Resistance” Kontaminierte perspirierend vor besagtem Gerät und ist sich sicher, soeben eins der der großartigsten Rockalben des dritten Jahrtausends auf die Ohren bekommen zu haben. Als das Gehirn endlich wieder “normal” arbeitet und den Körper zu steuern vermag, geht’s auf in eine muffige Hotel-Suite, in der Muse-Bassist Chris Wolstenholme hockt und freundlich Auskunft zu diesem schlichtweg geilen Stück Musik gibt. Muse, Part 1/3:

“Wir wollen Mitspracherecht, wir wollen unsere Meinung äußern, wir wollen gehört werden!”

Moin Chris, alter Schlot! Ich verdaue gerade immer noch “The Resistance” – das ist mehr als einfach nur ein gutes Rock-Album, oder? Welches Ziel hattet ihr vor Augen, als ihr angefangen habt, es zu schreiben?
Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber eigentlich haben wir immer das gleiche Ziel, wenn wir ein neues Album anfangen: Wir wollen etwas machen, das sich von dem Album davor grundlegend unterscheidet. Und ich denke, dass dieses Album ziemlich anders ist, es bewegt sich in einem extremen Bereich: Es gibt Songs, die sehr unmittelbar und catchy sind, was sehr ungewöhnlich für uns ist. Auf der anderen Seite gibt es Stücke wie die Symphonie, die sehr intensiv und dramatisch ist. Das haben wir aber erst realisiert, als wir das Album geschrieben und aufgenommen haben. Wir hatten nicht die Zielsetzung, ein besonders intensives Album zu machen, sondern das kam einfach so aus uns heraus – selbst das leichtere Zeug ist ziemlich intensiv. Wahrscheinlich ist das einfach nur die Art, wie wir Musik machen. Dadurch, dass wir in unserem eigenen Studio waren, waren wir auch viel fokussierter auf die Aufnahme als früher, vielleicht hat das zur Intensität beigetragen. Ich finde, dass es ein sehr erhebendes Album ist – die ersten zwei oder drei Stücke versetzen dich in eine positive Stimmung, auch wenn der textliche Inhalt ein wenig düster ist. Es gibt aber eine positive Einstellung auf diesem Album, die wir auf vergangenen nicht hatten.
Würdest du sagen, dass es sowohl euer kompliziertestes als auch euer eingängigstes Album ist?
Ja, das kann man so sagen. Songs wie „Uprising“, „Undisclosed Desires“, „The Resistance“ oder „States of Eurasia“ sind sehr positiv, wohingegen die ersten Songs vergangener Alben Muse alle sehr dunkel und negativ waren. Wir dachten, dass es toll wäre, bei diesem Album positiv einzusteigen.
Ihr seid dieses Album also nicht mit Pioniergeist angegangen, etwas Neues und Bahnbrechendes zu kreieren? Ein Puzzlestück hat sich ganz organisch zum anderen gesellt?
So war es. Ich denke, es ist sehr schwierig, wirklich originell zu sein. Es gibt gewisse Parts in gewissen Songs, die sich definitiv auf etwas beziehen, das es schon vor uns gab. Wir haben uns von so ziemlich allem beeinflussen lassen, was wir jemals in unserem gesamten Leben gehört haben. Und nicht nur von Sachen, die wir aktiv gehört haben, auch Musik, die wir im Hintergrund bei unseren Eltern gehört haben. Je älter du wirst, desto größer ist doch der musikalische Fundus, aus dem du schöpfen kannst. Indem man etwas Altes mit etwas Neuem kombiniert, kann man einen wirklich einzigartigen Sound definieren. Für uns war aber immer oberste Devise, uns nicht zu wiederholen, das war bei jedem unserer Alben das Ziel. Das ist es, was uns am Musikmachen gefällt. Es gibt einige Bands, die bestimmte Formeln haben, an die sie sich halten, und die deswegen erfolgreich sind. Darauf haben wir keine Lust – „Plugin Baby“ ist ein cooler Song, „New Born“ ist ein cooler Song, aber wir hätten keinen Spaß daran, diese Nummern wieder und wieder durchzuziehen.
Im Prinzip sagt ja jede Band, dass sie sich nicht wiederholen möchte. Letzten Endes machen es die meisten dann trotzdem.
Ganz genau! Die meisten tun es! Das muss ja auch nicht immer etwas Schlechtes sein – Vertrautheit kann ja auch sehr reizvoll sein. Einige Leute mögen es, wenn sie eine Band hören und wissen, was als nächstes kommt – sie wollen etwas hören und sofort wieder erkennen. Andere Leute wollen immer etwas völlig Neues, wenn sie Musik hören. Man kann unmöglich beide Seiten zufriedenstellen. Wir haben Spaß daran, Musik zu machen, bei der man das Gefühl hat, dass man hart daran arbeiten musste, etwas Neues erschaffen hat und in einem neuen Stil gespielt hat.
Ein neues musikalisches Level zu erreichen.
Genau darum geht es, denn wenn es dir nicht darum geht, wirst du auch nie besser werden. Wenn du immer wieder nur da Gleiche machst, kannst du dich nicht verbessern. Es gibt so viele verschiedene Spielstile für dein Instrument, doch leider spielen die meisten Leute immer nur auf die eine Weise. Uns ist es wichtig zu erkennen, dass es verschiedene Spielmöglichkeiten und verschiedene Musikstile gibt, und diese dann alle irgendwie in unseren Sound mit einzubeziehen. Es macht wirklich Spaß, einen Song wie „Undisclosed Desires“ zu spielen, der für uns wirklich neu ist, weil wir so etwas noch nie zuvor gemacht haben.
Der ist besonders ungewöhnlich und hat fast schon ein Dark-Wave-artiges Feeling…
Diesen Song zu machen war wirklich ungewöhnlich für uns, denn abgesehen vom Bass gibt es kein wirkliches Instrument dabei, das sind alles nur Samples, Loops, Synthesizer und Computer. Das ist, glaube ich, das erste Mal, dass wir einen Song aufgenommen haben, bei dem wir nicht alle in einen Raum gegangen sind und zusammen gespielt haben. Das war ein völlig neuer Ansatz, der sehr viel mit Pop zu tun hatte. Wir haben das richtig genossen, weil es so ungewohnt und brandneu für uns war. Wenn du so etwas durchziehst, dann lernst du auch dein Equipment viel besser kennen – wenn wir nämlich früher Synthesizer verwendet haben, haben wir einfach nur zum Muse Produzenten gesagt „Mach du das!“, aber wenn man sein eigenes Studio hat und sein eigener Produzent ist, zwingt man sich selbst dazu, in unbekanntes Terrain vorzudringen. Und dabei ist bei diesem Song etwas herausgekommen, das sich stark von dem unterscheidet, was wir je zuvor gemacht haben. Deswegen sind wir auf diesen Song auch am meisten stolz.
Zumal er hervorragend im Kontext des Albums funktioniert.
Das denke ich auch. Jedes unserer bisherigen Alben hatte einen ähnlich andersartigen Track drauf: Auf dem dritten Album gab’s einen Track namens „Empathy“, der einen etwas elektronischeren Pfad einschlug, aber ich glaube, dass wir es auf „The Resistance“ zum ersten Mal vernünftig gemacht haben. Wenn du mit Elektronik arbeitest, gibt es immer diese Versuchung, einfach eine Gitarre drüberzulegen (*lacht*) – doch dieses Mal haben wir ihr widerstanden und gesagt „nein, keine Gitarren!“ Es wird sehr interessant sein, wie wir diesen Song live spielen, da ich die einzige Person bin, die überhaupt irgendetwas dabei spielt. Ich weiß nicht, wie das laufen soll, aber wir werden uns was einfallen lassen und es wird großartig werden.
Vermutlich habt ihr das Album aber nicht „The Resistance“ genannt, weil ihr der Versuchung widerstanden habt, auf „Undisclosed Desires“ Gitarren einzuspielen, richtig?
Wohl nicht, nein. Es gibt mehrere Gründe, warum wir es „The Resistance“ genannt haben – vielleicht fasst aber der Text des ersten Songs ganz gut zusammen, worum es geht: Einen Widerstand dagegen zu formen, wie die Welt heutzutage geleitet wird. Die gemeine Öffentlichkeit hat kaum noch Mitspracherecht – wir wollen aber Mitspracherecht und wir wollen unsere Meinung äußern und wir wollen gehört werden. Ich glaube, die Führungspersonen unterdrücken das. Je mehr Zeit vergeht und je mehr Dinge schief gehen, desto mehr werden wir unterdrückt. Es ist einfach ein wichtiges Statement zu sagen „wir haben alle das Recht, unseren Belangen eine Stimme zu geben, wir alle sollten Redefreiheit haben und keine Angst davor haben müssen, anderen zu sagen, was wir denken.
Ist es auch ein Statement, das Album am 11. September zu veröffentlichen?
Nein, das ist eigentlich eher Zufall. Kommt es nicht erst am 14.?
Zuerst war es der 14., dann wurde es auf den 11. geschoben. Daher dachte ich, dass es vielleicht tatsächlich ein bewusster Schritt war.
Oh, das wusste ich gar nicht. Ursprünglich wollten wir es nicht vor Oktober veröffentlichen, dann wurde uns aber für September eine Amerika-Tour angeboten. Und da wir nicht live spielen wollten, bevor das Album nicht veröffentlicht ist, wurde es eben auf September vorverlegt. Das war also alles eher Zufall.
Aber immerhin ein treffender Zufall – da kann man ja schon was hineinlesen.
Kann man – ich denke, die Botschaft des Albums hat auch einen gewissen Bezug zu diesem Datum.
Muse haben mit jedem Album mehr und mehr Aufmerksamkeit erregt – würdest du sagen, dass ihr damit auch mehr Einfluss erlangt habt? Dahingehend, dass ihr vielleicht selbst so etwas wie eine kleine Revolution auslösen könnt?
Vielleicht. Je größer man als Band wird, desto mehr Leute hören einem natürlich zu und damit auch die Texte und Botschaften. Gut, vielleicht nicht unbedingt wirkliche Botschaften – aber auf jeden Fall nehmen sie das wahr, was wir sagen. Ich glaube nicht, dass wir je versucht haben, eine Band zu sein, die zu den Menschen predigt. Wir sagen den Leuten nicht, wie sie denken sollen, denn jeder sollte seine eigene Meinung zum Stand der Dinge Muse haben. Die Texte sind eher ein Ausdruck dessen, wie Matt zu bestimmten Dingen steht. Wir sagen nicht unbedingt, dass das der richtige Weg ist – das ist einfach nur seine Meinung. Aber stimmt schon: Es ist ein schönes Gefühl, in einer Situation zu sein, in der man eine Botschaft vermitteln kann, die sich die Leute tatsächlich anhören.
Ich muss gestehen, dass ich Muse noch nie live gesehen habe – ich war kurz davor, aber dann fegte der Wettergott dazwischen, vor drei Jahren auf dem Hurricane.
Ach ja, stimmt! Das war vielleicht ein Desaster!
Wie man aber auf Live-CDs hört und -DVDs sieht, sind Muse eine exzellente Live-Band. Wie wichtig ist das Bühnenfeeling für diese Band?
Live zu spielen war schon immer ein massiver Teil für Muse. Ich denke, die meisten Leute gründen eine Band, weil sie vor anderen Leuten spielen möchten. Als wir anfingen, haben wir nicht viel darüber nachgedacht, Alben aufzunehmen – wir wollten einfach nur auf die Bühne und live spielen. Für die meisten Musiker ist beim Musikmachen sicher der stimulierendste Part, wenn man die direkte Reaktion der Musik auf die Menschen sehen kann. Es gibt nichts Großartigeres, als vor Tausenden von Menschen zu spielen und zuzusehen, wie sie alle ausflippen, das ist ein fantastisches Gefühl! Ich glaube nicht, dass es ein anderes Element in einer Band gibt, der so gut wie das ist. Live ist spielen ist somit das, wobei wir uns am wohlsten fühlen. Als wir zum ersten Mal in einem Studio spielten, fühlten wir uns wirklich unwohl – wir mochten es nicht und haben es auch nicht verstanden (*lacht*). Ich glaube, du musst mehrere Alben machen, bevor du dich wirklich in einer Studioumgebung wohl fühlst. Und je älter wir werden, desto wohler fühlen wir uns im Studio. Selbst ganz am Anfang war uns die Bühne lieber. Das macht uns wie gesagt auch immer noch am meisten Spaß: Die Leute durchdrehen zu sehen, wenn wir Musik machen. Das ist überwältigend.



Interview: Ben Foitzik / 11. August 2009 / Hyatt Hotel Hamburg
Bilder: Warner/Danny Clinch/Erik Weiss

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