MIKE OLDFIELD im Interview
Die Person Mike Oldfield in wenigen Worten zu umschreiben, ist ein schier unmögliches Unterfangen. Weit über 20 Alben hat der heute 58-Jährige in seiner einzigartigen Karriere bereits veröffentlicht, wobei sein Erstwerk „Tubular Bells“ aus dem Jahre 1973 mit über 16 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Instrumentalalbum eines Solo-Künstlers überhaupt ist. Seither ist viel passiert – Mike musste sogar in Therapie, weil er mit sich und vor allem der Welt nicht klar kam. Auch beim Interview mit Ben, anlässlich seines 2005er Albums „Light + Shade“, durchlebte der Maestro von störrisch indifferent bis manisch lachend eine weite Bandbreite menschlicher Emotionen.
Woher nimmst du deine Inspiration, nach so vielen Alben und Jahren im Musikgeschäft?
Na ja, das ist wie bei allem: Ich sitzt vor einem leeren Blatt Papier und sage zu mir ‚Komm schon, denk dir was aus!’ (*lacht manisch*). Wenn ich Glück habe, stehen danach ein paar Ideen auf dem Papier. Normalerweise fange ich damit an, einfach mit ein paar Sounds herumzuspielen, um zu sehen, ob etwas dabei herauskommt. Gewöhnlich kommt letzten Endes eigentlich immer etwas – manchmal dauert es etwas, manchmal geht’s schnell.
Gibt es nach über 30 Jahren im Musikgeschäft Emotionen, die du noch nicht in deiner Musik ausgedrückt hast?
Oh ja, ich glaube schon. (*gähnt*) Ich könnte das aber nicht erklären, das ist wie die Frage danach, ob man glaubt, es gebe Leben auf anderen Planeten. Ich glaube das, aber ich habe keine Ahnung, wie die aussehen. Es ist schwer für mich, über meine Musik zu reden, weil ich alle Dinge, die ich zu sagen habe, in meiner Musik ausdrücke.
Glaubt du, dass du irgendwann mal keine Lust mehr auf Musik haben könntest?
Vielleicht – ich möchte mehr machen als nur Musik allein. Ich versuche mich gerade an ein paar Experimenten mit Virtual Reality in Verbindung mit Musik, und das macht eine Menge Spaß. Ich hoffe, in diesem Bereich noch ein paar Sachen machen zu können.
Könntest du dir vorstellen, in Zukunft nur Soundtracks zu orchestrieren?
Nein, eher nicht. Ich liebe Filme, ich möchte diese aber mit einem Hotdog und einer Cola in der Hand gucken. Ich bin eher der Zuschauer-Typ. Ich habe einen Film gemacht, „The Killing Fields“, das war angenehm, aber eine Heidenarbeit. Das Beste daran war, dass ich mit cleveren Leuten, dem Regisseur und Produzenten, zusammenarbeiten konnte, das war großartig.
Wie würdest du deine Musik beschreiben?
In meiner Musik geht es eher um Atmosphäre, ein Gefühl, das man bekommt, als um eine Emotion. Es gibt dafür in unserer Sprache kein Wort. Vielleicht so etwas wie Präsenz, Geist oder Aura. Oftmals weiß ich selber nicht genau, was es ist, aber ich kann das in meiner Musik ausdrücken. Ich bin allerdings oftmals überrascht, wenn Leute zu mir sagen, dass ihnen meine Musik gefällt: „Echt jetzt, das gefällt euch? Klasse!“
Na ja, viele Leute mögen deine Musik.
Na ja, viele Leute mögen meine Musik auch nicht. Es ist aber sehr komisch, dass Leute, die meine Musik nicht mögen, immer total verärgert darauf reagieren: (*brüllt*) „Warum machst du diese komische Musik, du solltest geächtet werden!“ Als wenn ich ein Verbrecher wäre oder so etwas. Ich habe keine Ahnung, warum ich solch extreme Reaktionen hervorrufe. Es sagt auch keiner „Na ja, deine Musik ist okay“. Wenn dann eher „Oh man, scheiße ist das geil!“ (*lacht irre*)
Musstest du einen Balance-Akt zwischen deiner Kunst und deinem Beruf ausführen?
Ach, nö (*gähnt*). In den Anfängen war es eher eine Art Kampf – heutzutage sitze ich oft und arbeite ein paar Tage, ohne dass dabei etwas herauskommt, dann fühle ich mich immer ziemlich verloren. Aber dann passiert etwas, ich weiß nicht was es ist – als würde ich vom Blitz getroffen oder so etwas. Und dann kommt mir eine Idee und ich drehe richtiggehend durch. In den alten Zeiten habe ich Instrumente gespielt und das Ganze abgemischt; heute hingegen solltest du mal meinen Mauszeiger auf dem Bildschirm sehen: Das Klicken geht „shacktacktacktaracktacktack“. In diesen Momenten werde ich inspiriert. Das passiert jetzt nicht mehr so häufig, aber wenn es kommt, ist es großartig.
Ist Musik eine Art Eigentherapie für dich?
Nein. Nein. Vielleicht war sie das mal, vor langer Zeit, aber Musik ist für mich wie eine ganz normale Körperfunktion – das ist wie essen für mich (*lacht trocken*).
Schielst du auf Chart-Platzierungen, wenn du Musik machst?
Nein, ich mache mir erst danach Gedanken darüber. Aber während ich sie mache, ist das nur für mich selbst. Ich mag es einfach, Musik zu machen. Ich habe eine Menge Glück, dass ich erfolgreich damit bin und mein Leben damit bestreiten kann – ich habe Geld, eine schönes Haus, kann in den Urlaub fahren, wenn ich Lust dazu habe.
In der Vergangenheit hattest du Probleme damit, in der Öffentlichkeit zu stehen und Konzerte zu spielen – ist das immer noch so?
Ja… im Moment zum Beispiel (*lacht*). Ich habe mich immer wie ein Fisch gefühlt, der nicht im Wasser ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich einfach nicht dazugehörte. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich das immer noch. (*Nachdenklich*) Hm, ich weiß es nicht – das war schon immer so, aber ich weiß einfach nicht, warum. Das ist einfach ein Teil meines Charakters, glaube ich. Manchmal, wenn ich genug Bier trinke, fühle ich mich, als wäre ich in dieser Welt zu Hause, hahaha. Aber meistens fühle ich mich irgendwie fremd, entfremdet. Musik half mir, mit diesen Dingen klar zu kommen, Musik war mein Zuhause. Ich fühlte mich sicher und war glücklich in dieser Welt der Musik. Die „menschliche Frage“ hat mich immer erschreckt: Warum sind wir hier, warum sind wir komische, biologische Roboter-Maschinen, die auf diesem Ball in diesem gewaltigen Universum rumlaufen? Das alles kam immer plötzlich in mein kleines, erweitertes Schimpansen-Gehirn hereingeflutet und hat mich wahnsinnig gemacht, verstehst du? Aber jetzt kann ich es hereinfluten lassen und akzeptiere es einfach. Vielleicht hat es etwas mit dem Alter zu tun, damit, reif zu sein, oder vielleicht gewöhne ich mich auch einfach nur daran. Man muss sich einfach mal in der Natur umschauen: Wir haben zum Beispiel diesen neuen Hund, einen Neufundländer. Wenn es einen Gott gibt, dann muss er oder sie einen wundervollen Sinn für Humor haben, eine solche Kreatur zu erschaffen (*lacht*): ein großes, schwarzes, albernes, wunderbares, dreckiges, unhygienisches, verrücktes Monster! Diese Kreatur erinnert einen daran, dass alles einfach nicht so ernst gemeint ist (*lacht*).
Es gab eine Zeit, in der du unter Panik-Attacken littst und dich in den Walisischen Bergen versteckt hast – liefst du damals Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren und durchzudrehen?
Kann man so sagen, ja. Aber ich machte Musik um bei Verstand zu bleiben.
Also Musik als eine Art Schutzfunktion?
Ja, aber auch nein. Es war für mich nicht nur ein Schutz – es war realer für mich als die wirkliche Realität. Glücklicherweise hatte ich ein paar Erfahrungen mit dieser Realität und konnte einen Ort finden, an denen sie nicht bedrohlich war und ich mich nicht verloren fühle. Einen Ort, an dem sich einfach alles richtig und wunderschön anfühlte. Das habe ich durch Dinge wie Meditation und Tai Chi erfahren können.
Hörst du deine eigene Musik, wenn du meditierst? Passen würde es ja…
Nein, ich bevorzuge die Stille. Normalerweise sind die Gedanken in meinem Kopf unglaublich laut, da ist immer irgendeine Musik am Laufen, oder ich zerbreche mir über irgendetwas den Kopf. Wenn man meditiert, kann man fast eine Art Pause-Knopf drücken auf dem DVD-Player des eigenen Gehirns. Das ist wunderschön, es hört einfach alles auf und diese schöne Stille flutet in den Kopf hinein. Und es liegt einfach viel mehr in der Stille als im Lärm, in der Ruhe gibt es so viele wundervolle Dinge.
Was, glaubst du, kann deine Musik den Menschen heute geben? Ist sie großartig anders als vor 20 Jahren?
In ihrer Form, ja. In ihrer Essenz, nein. Ich habe eben über dieses Gefühl gesprochen, diese geistige Präsenz, die Aura – ich hoffe, dass ich besser darin geworden bin, eine musikalische Version von diesem Sound zu machen, das habe ich jedenfalls immer versucht. Am Anfang habe ich mich immer zu sehr auf die Technik konzentriert, auf komplizierte Songstrukturen, schnelle Gitarrenläufe – heute versuche ich, die Musik zu simplifizieren, damit die Melodien einfacher werden, nur drei oder vier Noten haben. Ich hoffe, dass ich die Seele der Musik damit besser vermitteln kann. Ich weiß aber nicht, ob mir das gelungen ist.
Deine Songs haben einen tranceartigen Charakter – glaubst du, dass du dadurch auch eine jüngere Fanschar ansprechen kannst, die auf Chillout-Music und so etwas steht?
Nun, ich glaube nicht an diese Geschichte mit den Altersunterschieden. Der Musik-Markt, wie wir ihn momentan im Fernsehen sehen, ist auf Vor-Teenager zugeschnitten, auf Zehn-, Elf-, Zwölfjährige – aber die Leute, die Musik lieben, gehören allen Altersklassen an.
„Light + Shade“ ist nicht wirklich Mainstream-kompatibel, da es fast ausschließlich Instrumentalmusik ist – warum hast du nicht mit Sängern oder Sängerinnen zusammengearbeitet?
Ich mag Menschen nicht. Mit dieser Stimmen-Software zu arbeiten, ist einfach großartig. Bei „Moonlight Shadow“ hat es beispielsweise unendlich viele Stunden gedauert, bis wir die Vocals fertig hatten – wir mussten das Wort für Wort machen, Silbe für Silbe, Maggie Reilly ist nicht einfach reingekommen, als sie den Song eingesungen hat. Sie musste jedes kleine Stück jedes Wortes zehn Mal singen – mit einer Stimmen-Software kann ich das genau so machen und habe dabei noch eine viel bessere Kontrolle darüber. Die Stimme ist ein musikalisches Instrument – ich glaube, die Software wird immer besser werden und irgendwann ein paar richtig abgefahrene Sachen machen können.
An welchem Ort sollte man dein neues Album am besten hören?
Das ist eine gute Frage. „Light“ sollte man hören, wenn man über die Insel Es Vedra schaut – es gibt da eine wunderschöne Klippe, und wenn man sich da oben hinsetzt, wenn die Sonne über der Insel untergeht, sollte man „Light“ hören. Für „Shade“ sollte man in eine geschäftige und dreckige Großstadt gehen, sich zwischen die ganzen verrückten Leute setzen und richtig laut aufdrehen.
Was wolltest du mit diesen gegensätzlichen Seiten ausdrücken?
Ich wollte gar nichts ausdrücken, jedenfalls nicht auf einer logischen Ebene – die Musik ist mein Ausdruck. Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt „Ich möchte jetzt A,B,C,D und E ausdrücken – es ist einfach so aus mir herausgekommen. Im Nachhinein habe ich dann alles in zwei Seiten eingeteilt – ich habe zwar viele unterschiedliche Stimmungen, aber grob kann man sie in ruhig und aufgewühlt, oder besser ruhig und gestresst einteilen.
Was ist rückblickend deine wichtigste Platte als Musiker gewesen?
Nun, das ist immer die letzte Platte. Ich hoffe einfach nur, dass ich besser darin werde, dieses schöne, spirituelle Gefühl zu kreieren. Neulich habe ich mal eine meiner älteren Platten angehört, und ich mochte sie nicht. Man kann sagen, dass ich technisch gesehen nicht so ein guter Musiker bin. Aber die Essenz, das wahre Herz der Musik wird stärker, hoffe ich jedenfalls.
Was waren und sind deine musikalischen Einflüsse?
Ich höre keine Musik mehr, ich bevorzuge die Stille. Natürlich schnappt man mal ein paar Dinge im Radio oder Fernsehen auf. Ich finde es aber wichtig, dass ich keine andere Musik höre, sonst würde ich jedem Trend folgen und versuchen, so wie alle anderen zu sein – ich möchte aber anders sein. Das ist mein Geheimnis: Hör einfach niemandem zu!
Welchen Wert hat Instrumentalmusik in einer technisierten Welt? Kann sie noch authentisch sein? Du hast mal gesagt, dass Musik immer mehr zu einer verlorenen Kunst wird.
Ja, das habe ich – weißt du, das Hauptinstrument ist ja immer eine Live-Gitarre. Ich glaube, wenn ich diese ganzen Dinge schon 1972 gehabt hätte, hätte ich sie auch benutzt. Der Computer selbst ist inzwischen zu einem Musikinstrument geworden – es gibt so viele Möglichkeiten – die Leute, die die Plugins designen, sind ja selber schon fast Künstler. Es ist wundervoll, dass man heutzutage Sounds künstlich herstellen kann, die man sich vor ein paar Jahren noch nicht einmal vorstellen konnte. Es ist nicht nur der Computer – der Computer ist nur das Skelett – es ist die Software und die Arbeit, die in das Programmieren eingeht und inzwischen zu einer selbständigen Kunstform geworden ist.
Hast du noch unerfüllte Träume oder Wünsche?
Zufrieden zu sein.
Du bist also nicht zufrieden?
Würde ich es mir sonst wünschen?
Gibt es Hoffnung, dass du irgendwann mal zufrieden sein wirst?
Zurzeit komme ich ganz gut klar. Meine größte Freude sind momentan Motorräder. Ich bin verrückt nach großen Motorrädern. Schnell müssen sie sein. Ich bin sehr glücklich, wenn ich mit 160 km/h um eine schöne Kurve heize und alles „huuuuuuchhiuuuh“ um mich herumströmt – in diesen fünf Sekunden bin ich zufrieden.
Aber das ist doch ein sehr lauter Moment – ich dachte, du bevorzugst die Stille?
Für mich ist das ein sehr friedvoller Moment. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre über habe – ich möchte noch mal Hanggliding machen, diesen Sport, bei dem man an diesen Flügeln zieht und einen Berg hinunterspringt. Vielleicht beruhigt mich das ja irgendwie. Hahaha.
Interview: Ben Foitzik / September 2005 / Phoner


































