Linkin Park – Mike Shinoda und David „Phoenix“ Farrell im Interview
Nach viel Hü und Hott findet das Interview mit Linkin Park dann doch noch statt. Zwar nicht wie geplant im sonnigen L.A. sondern im (eh viel schöneren) Hamburg, dafür aber immerhin mit Mike Shinoda und “Phoenix” Farrell, dem sympathischsten Drittel der US-Stadion-Rocker. Auch wenn man im Edel-Hotel Hyatt residiert, um das vierte Album “A Thousand Suns” zu promoten, machen die beiden gutgelaunten Burschen nicht auf Rockstar (wozu sie privilegiert wären) sondern erweisen sich als freundliche Zeitgenossen, denen man den irren Erfolg dann doch irgendwie gönnen kann. Auf diesen sind Linkin Park schließlich programmiert: Wie zu erwarten preschte auch “A Thousand Suns” auf die Pole der deutschen Charts – und das, obwohl es das gewagteste Album der Kalifornier und bei den Fans nicht unumstritten ist.
Jetzt, da ich “A Thousand Suns” als Ganzes gehört habe, scheint alles einen Sinn zu ergeben – was ich nach dem Hören der ersten Single “The Catalyst” nicht behaupten konnte. Wie schwierig war es für euch, eine repräsentative Lead-Single auszusuchen?
Shinoda: Lustig, dass du das fragst – das war tatsächlich ein ganz schöner Akt! Wir haben eine Doku gedreht, die ein paar wichtige Momente im Entstehungsprozess dieses Albums zeigt, und einer davon zeigte, wie wir verrückt wurden, als es hieß, eine Single auszusuchen. Als wir das Album angingen, gab es viele Gespräche darüber, dass wir etwas Frisches und Neues machen wollten – was sich dann darin äußerte, dass wann immer jemand mit etwas ins Studio kam, das uns auch nur ein bisschen bekannt vorkam, wir das automatisch weniger mochten. Als wir dann schließlich das gesamte Material beisammen hatten und eine Single wählen mussten, gab es Probleme. Ich bin ja von Natur aus ein Problemlöser, das ist meine Persönlichkeit: Wenn jemand zu mir kommt und sagt ‘Wir brauchen eine Single’ und wir haben keine, dann mache ich eben eine. Fast einen Monat habe ich daran gearbeitet und zig Sachen versucht, aber es hat nicht funktioniert. Das hat mich natürlich frustriert, denn normalerweise kann ich immer alles abliefern, was gebraucht wird. Wir haben dann irgendwann verstanden, dass es einfach nicht sein sollte – das Album war, wie es war, weil die Inspiration rein war. Es ging nie darum etwas zu machen, das in eine bestimmte Box passen würde. Es ging darum Musik zu machen, die wir alle mochten.
Letztlich fragten wir uns dann einfach ‘Wie sollen die Leute in dieses Album eingeführt werden?’ und da kam dann “The Catalyst” heraus.
Zumal das ja auch ein perfekter Titel für eine Lead-Single ist.
Shinoda: Genau, das kam zufällig auch noch dazu.
Soundtechnisch ist der Song aber in Bezug auf den Rest des Albums etwas irreführend, oder?
Shinoda: Vielleicht, ja.
Das Album ist ja ziemlich dunkel, schwer und elektronisch – ist „The Catalyst“ quasi ein Übergang von den alten Linkin Park zur neuen klanglichen Ausrichtung dieser Band?
Phoenix: Es ist schon interessant, dass jeder einen anderen Eindruck von „The Catalyst“ hat. Für mich ist es ähnlich wie für dich – einen Monat vor dem Album erscheint die Single, und in diesem Monat fehlt dir der Kontext des gesamten Albums. Ich hoffe daher, dass ihn die Leute dann spätestens im Gesamtwerk verstehen werden. Wir hatten definitiv nicht das Gefühl, dass „The Catalyst“ das Album als Ganzes repräsentieren kann, aber für mich gibt es auf „A Thousand Suns“ keinen einzigen Song, der das kann. Jeder Track ist völlig verschieden, da wir das Album von Anfang an als 45-Minuten-Erfahrung gesehen haben. Wir haben nicht gesagt ‚lasst uns einen Haufen Songs schreiben und die auf ein Album packen’, sondern es lief eher nach dem Motto ‚lasst uns ein Album schreiben, auf dem jeder Song mit den anderen kommuniziert’ ab. Das Erlebnis ist einfach viel runder, wenn du „The Catalyst“ im Kontext des gesamten Albums hörst. Da also eine Single rauszupicken, war wirklich eine Herausforderung. Wir waren fast schon so weit zu sagen ‚lasst uns überhaupt keine erste Single machen’ und haben gewitzelt ‚lasst uns nicht mal einzelne Songs sondern einfach nur ein 45-minütiges MP3 machen’. Das könnte man natürlich nie bringen, aber wir haben uns ein bisschen daran orientiert, wie es damals war, als es nur Vinyl gab: Es gab natürlich auch auf Vinyl Teilungen und Pausen, aber du konntest nicht einfach von Track zu Track durchskippen sondern hast es von Anfang bis Ende gehört.
Shinoda: Das Gegenargument ist allerdings, dass heute einfach jeder mehrere Tracks macht. Warum sollten wir uns anmaßen, etwas von den Leuten zu verlangen, das ihnen offensichtlich nicht behagt? Wir sind uns dieser Tatsache bewusst, wir wissen, dass die Welt so funktioniert –
ich denke, das war nur ein künstlerisches Statement oder Gefühl, das wir hatten, weil uns diese Idee sehr gefällt. Und wenn wir es mögen, vielleicht mögen es auch andere da draußen. Aber das bleibt abzuwarten, vielleicht veröffentlichen wir „A Thousand Suns“ und keiner mag es. Aber wir wissen, dass wir es mögen, insofern können wir im Moment behaupten, dass wir zufrieden mit diesem Album sind.
Ich habe diesen „Brief“ gelesen, den ihr ins Album-Booklet gedruckt habt…
Shinoda: Yeah, yeah, die Idee dahinter war eigentlich relativ simpel: Wenn du normalerweise ein Album veröffentlichst, dann schreibt die Plattenfirma einen Text dazu, in dem viele große Wörter benutzt werden, wie wichtig du doch bist und wie wichtig dieses Album ist, oder sie versuchen einfach nur, das Album anzupreisen. Für dieses Album hielten wir das aber nicht für angemessen, also hatte Brad eine Idee und schrieb diesen Text. Moment, eigentlich hatte ich die Idee und er schrieb dann den Text, und der hat mich einfach weggeblasen, weil er so perfekt zu diesem Album passt.
Ich finde ihn auch sehr cool, weil du als Journalist ja ständig diese Info-Sheets mit unerträglichen, standardisierten Lobhudeleien bekommst: „Ihr bestes Album“, blablabla…
Shinoda: Sie haben Preise gewonnen! Sie haben Alben verkauft! Wen interessiert’s?!
Phoenix: Darum geht es bei diesem Album nicht, sondern es geht um die Reise, auf die du dich mit ihm begibst. Das wollen wir kommunizieren, unabhängig davon, ob jemand die Platte mag oder nicht – das ist eine ganz andere Frage. Ich hoffe, dass die Leute die Möglichkeit haben, das Album als Einheit zu erleben und in eine andere Welt abzutauchen. Es gibt definitiv viele verschiedene Ebenen, ein dreidimensionales Feld sozusagen, das die Hörer erleben sollen.
Ihr habt gesagt, dass ihr euch mit diesem Album sehr weit hinausgewagt und dabei kommerzielle Belange völlig ignoriert habt. Habt ihr die Definition der Band Linkin Park bewusst gelöscht, um noch mal von „ground zero“ zu starten und keine Beschränkungen zu haben?
Shinoda: Anfangs haben wir einfach viel miteinander geredet: “Was habt ihr für ein Gefühl? Wo sind wir mit dieser Band? Was für ein Album wollt ihr machen?” Und jeder sagte auf unterschiedliche Weise, dass er einfach nur superkreativ sein und sich um nichts
anderes Gedanken machen will: Darüber, wie die Leute Linkin Park kategorisieren, über das Radio oder kommerzielle Aspekte. Wenn es trotzdem alles funktionieren sollte, umso besser! Die ganze Platte sollte völlig natürlich sein. Selbst bei der Single ist es so, dass die Originalversion sechs Minuten lang ist, aus der dann ein Radio-Edit gemacht wurde. Normalerweise ist ja der Chorus der eingängigste Teil, aber bei „The Catalyst“ ist es ja fast schon so, als wäre die Strophe das Eingängigste – tatsächlich habe ich die einzelnen Teile bei einigen Songs A, B und C genannt, weil Chorus, Strophe und so einfach nicht mehr gepasst hätten. Es gibt den Song „Robot Boy“ auf dem Album, und gestern kam ein Journalist rein und fragte mich: “Ist das ein Pop-Song?” und ich meinte nur “Wie soll das gehen? Es gibt noch nicht mal einen Refrain! So etwas willst du einen Pop-Song nennen?!” Ich denke, wir haben einfach nur versucht, Etiketten zu vermeiden.


































