“Stop-Loss”-Regisseurin KIMBERLY PEIRCE im Interview
Mit ihrem zweiten Regiewerk, Stop-Loss, gelang Kimberly Peirce – wie schon mit ihrem Debüt Boys Don’t Cry – ein Paukenschlag. Quasi über Nacht machte sie damit den Begriff “Stop-Loss” in der Öffentlichkeit bekannt, der Folgendes besagt: In Kriegszeiten, so steht es im Kleingedruckten der Verträge, darf der Präsident ausgediente Soldaten per “Stop-Loss”-Befehl zurück an die Front schicken. Und da sich die USA ja (anscheinend per definitionem) im Dauerkriegszustand befinden, erleben so einige Soldaten ihr blaues Wunder, wenn sie tatsächlich irgendwann nach Hause zurückkehren. Im Interview erläutert Peirce die Hintergründe ihres bitteren Films und bezieht zum Irak-Krieg Stellung.
“Stop-Loss” ist Ihr zweiter Kinofilm nach “Boys Don’t Cry” (1999). Zwischen diesen Filmen lag 9/11 – inwieweit hat Sie das beeinflusst?
9/11 hatte große Auswirkungen auf mich. Ich lebe seit 15 Jahren in New York und war auch dort, als die Towers einstürzten. Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Wir versuchten, das Ganze zu verstehen, und dann erklärte Amerika plötzlich den Krieg. Ich wusste sofort, dass das der größte kulturelle Wandel meines ganzen Lebens sein würde und beschloss, dass ich einen Film darüber machen würde. Ich wollte wissen, wer die Soldaten waren, die sich für diesen Krieg meldeten, und warum sie das taten. Außerdem meldete sich auch mein kleiner Bruder kurze Zeit später freiwillig.
Wollten Sie es ihm ausreden?
Ein großer Teil von mir wollte das, ja. Zum einen, weil ich um sein Leben fürchtete. Außerdem wusste ich nicht, wie er psychologisch verarbeiten würde, Menschen zu töten oder von Tod umgeben zu sein. Und drittens war ich, wie viele andere Amerikaner, nicht davon überzeugt, dass Amerika dadurch sicherer würde und wir überhaupt die Richtigen damit treffen. Aber er ist in den Irak gegangen und hat sich dadurch verändert. Aber wir sind ja alle Teil dieser Geschichte – sie benutzen schließlich meine Steuergelder um diesen Krieg zu führen.
Zerstört dieser Krieg Amerika von innen?
Absolut! Ich denke, der Irakkrieg hat verheerende Folgen für unsere Wirtschaft und unsere Soldaten. Wir haben die höchste Zahl von posttraumatischen Belastungsstörungen und die höchste Selbstmordrate im Moment. Und wie Sie vielleicht wissen, haben wir gerade eine Gesundheitsfürsorge-Krise in Amerika. Viele der zurückkehrenden Soldaten haben keine Versicherung! Amerika wird noch eine viel größere Krise erleben, wenn wir uns nicht vernünftig um die zurückkehrenden Soldaten kümmern können. Es ist ja jetzt schon so, dass viele von ihnen nach ihrer Rückkehr in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Wir sollten auch nie unterschätzen, was wir den Irakern antun: Die Verwüstung, die wir dort anrichten, ist skrupellos. Wenn ich jeden Tag lese, dass Unschuldige sterben, dann ist das niederschmetternd. Es ist unglaublich, wie man als Oberhaupt eines Staates die Macht haben kann, Kriege auszulösen. Ich glaube, über 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind gegen den Irakkrieg.
Vor Ihrem Film war der Begriff “Stop-Loss” den Wenigsten bekannt – jetzt ist er in aller Munde. Hat es Sie überrascht, dass “Stop-Loss” zu solch einer großen Sache geworden ist?
Es hat mich schon überrascht – andererseits hat mich auch damals der Erfolg von “Boys Don’t Cry” überrascht. Ein Teil meines Jobs ist es, Storys zu schreiben, die mich bewegen, und Charaktere glaubhaft zum Leben zu erwecken. Also bin ich losgegangen und habe Soldaten interviewt, um es so realistisch wie möglich zu machen. Der Zuschauer soll den gleichen Erkenntnisprozess durchlaufen, den ich über die Wahrheit und die Emotionen hatte. Ich will ihn auf eine große Reise mitnehmen. Ich neige dazu, über Ungerechtigkeiten oder Dinge zu schreiben, die mir am Herzen liegen. Und es ist wirklich unglaublich, dass niemand diese Stop-Loss-Richtlinie kannte, als wir den Film drehten. Das war eine große Marketing-Herausforderung. Inzwischen sprechen die Leute von einem “Hintertür-Gesetz”, und Barack Obama hat sich dagegen ausgesprochen.
Fühlen Sie sich als Filmemacherin nicht ein wenig für die Politik vor den Karren gespannt? Barack Obama hat sich die “Stop-Loss”-Thematik auf die Wahlkampf-Fahne geschrieben.
Das könnte natürlich zu einem Politikum verkommen, aber mir war es einfach wichtig, Aufmerksamkeit für eine Ungerechtigkeit zu erregen. Was soll ein Politiker auch anderes machen? Er pickt sich Ungerechtigkeiten heraus und spricht sich dagegen aus – wenn das der Sache zusätzlichen Support gibt, ist das doch gut. Die eigentliche Thematik von “Stop-Loss” ist doch, wie wir unsere eigenen Soldaten und die Menschen im Irak behandeln. Ich will mit dem Film zeigen, was dieser Krieg mit beiden Seiten anrichtet. Das ist ja nicht nur ein Krieg, der im fernen Irak stattfindet – es ist ein Krieg, der zu uns nach Hause kommt. Er richtet unser Land zu Grunde. Vielleicht wissen Sie, dass Amerika gerade eine Krise im Gesundheitssystem durchlebt – viele Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren, haben nicht einmal eine Krankenversicherung! Amerika wird noch eine viel größere Krise erleben, wenn wir uns nicht mehr um unsere Soldaten kümmern können. Aber es trifft beide Seiten – wir sollten niemals unterschätzen, was wir den Irakern angetan haben.
Sehen Sie eine Verbindung zwischen “Stop-Loss” und einem Kriegsheimkehrer-Drama wie “Im Tal von Elah”?
Eigentlich nicht, aber viele Leute haben das bereits behauptet. “Im Tal von Elah” besitzt auch viel Emotionen und Pathos, von daher haben wir vielleicht einen ähnlichen Ansatzpunkt. “Stop Loss” ist aber insofern anders als andere Filme, als ich natürlich jede Mende richtige Soldaten interviewt habe und obendrein einer von Ihnen auch noch mein Bruder war. Zum anderen wollte ich einen Film über junge Männer machen – wenn man sich die Hauptdarsteller ansieht, sieht man, dass sie sehr jung sind und viele Ähnlichkeiten zu unseren realen Soldaten im Irak haben. Alles wird komplett aus ihrer Sicht geschildert. Der Film versucht nicht, von Ansichten getragen zu werden, sondern er versucht in erster Linie, menschlich zu sein. Es geht um einen jungen Mann, der auf einer Reise ist und für seine Kameraden in den Tod gehen würde. Kameradschaft ist ein zentrales Thema von “Stop-Loss”.
Wird es eine neue Welle von Antikriegsfilmen in Hollywood geben?
Die Studios werden erst einmal abwägen, wie viel Geld man mit ihnen an den Kinokassen machen kann. Auf Seiten der Filmemacher ist es natürlich das, was uns gerade prägt, bewegt und wütend macht. Ich persönlich glaube auch nicht, dass es noch sinnvoll ist, heute wie in den 70ern auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Politischer Protest ist natürlich wichtig – nach draußen zu gehen und seine Meinung kundzutun. Aber die Bomben fallen trotzdem am nächsten Tag. Bei “Stop-Loss” habe ich gemerkt, dass ich eine viel stärkere Stimme habe, wenn ich einen Film über einen Charakter mache, zu dem die Menschen eine Verbindung aufbauen können. Solche Charaktere zu entwerfen, ist meine Art, nützlich zu sein und einen Sinn zu erfüllen.
Die Eingangsszene von “Stop-Loss” ist sehr brutal und schockierend – war es Ihre Intention zu zeigen, wie der “Alltag” als Soldat im Irak tatsächlich aussehen kann?
Absolut, ja. Die Situation am Checkpoint ist etwas, was dort fast täglich passiert. Mir haben so viele Soldaten erzählt, dass sie an Checkpoints, in Küchen, in Schlafzimmern, in den Hausfluren der Menschen dort gekämpft haben. Oft kommt ein Auto an einen Checkpoint und sie müssen blitzschnell eine Entscheidung fallen: Wenn sie die Insassen für eine unschuldige Familie halten, feuern sie nicht. Wenn sie glauben, es ist jemand, der ihnen gefährlich werden kann, feuern sie. Wenn sie falsch liegen und unschuldige Menschen töten, fühlen sie sich fürchterlich. Und wenn sie falsch liegen und die gefährlichen Leute die eigenen Männer töten, fühlen sie sich ebenfalls fürchterlich. Wir wollten einfach nur die bittere Alltags-Realität an diesen Checkpoints einfangen.
Interview: Ben Foitzik / 4. August 2008 / Phoner
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