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GARY NUMAN im Interview

Gary Numan
Juli 2006

Er ist Elektropop-Pionier und arrivierter Industrial-Papst, ohne dessen Einfluss Trent Reznor wahrscheinlich noch immer in seiner Garage auf Kochtöpfe eindreschen würde: Gary Numan. Schon Ende der 70er schuf der inzwischen 48-Jährige auf der Industrial-Heimorgel mit seiner Band Tubeway Army unsterbliche Elektro-Klassiker wie „Are Friends Electric?“ oder „Cars“. 20 technoid-elektronische Alben hat der chronisch introvertierte Brite auf die Menschheit losgelassen, 2006 erschien nach fünf Jahren Babypause sein Werk “Jagged”. Im Ben-Interview gab sich der Meister dann alles andere als verschlossen und gewährte tiefe Einblicke in sein diffiziles Seelenleben.

“Maschinen lassen dich nicht im Stich, sie lügen nicht oder brechen dir das Herz. Deswegen liebe ich sie.”

Deine Musik ist nach wie vor sehr technoid – ist Technologie deine treibende Kraft?

Bei der Musik: absolut. Die tatsächlichen Melodien und Akkorde entstehen allerdings auf herkömmliche Weise: am Klavier. Aber die ganzen Geräusche, Grooves und Effekte sind schon sehr von Technik beeinflusst. Ich wurde mehr von der Technik benutzt als dass ich sie gelenkt hätte, sie hat mir gezeigt, was sie machen kann, und ich habe benutzt, was ich mochte. Je mehr ich die neuen Geräte verstanden habe, desto mehr konnte ich die Führung übernehmen. Die eine Hälfte des Albums ist also Experiment mit der Ausrüstung, die andere das Verstehen, wie sie funktioniert. Das heißt natürlich auch, dass vieles eher Glück war als Schöpferkraft (lacht).

Was bedeutet der Titel »Jagged«, „zerrissen“, im Kontext des Albums?

Ich sehe das Album als Dokumentation über einen Mann, der absolut schreckliche Dinge getan hat. Es betrachtet sein Gehirn, bei dem gewisse Teile inaktiv sind, die bei anderen aktiv sind, und bei dem andere Teile tot sind, die bei anderen funktionieren. Er hat kein Mitgefühl mit anderen, keine Sympathie und außerordentlichen Spaß daran, anderen Schmerzen zuzufügen. Diese Idee hat mich veranlasst über Menschen nachzudenken, deren Gehirn auf die ein oder andere Art beschädigt ist, und ich dachte darüber nach, ob das auch etwas mit mir, meinem eigenen Leben und meiner Art zu denken zu tun hat. Das Album ist ziemlich dunkel und unangenehm, sein Leitthema sind beschädigte, zerbrochene Menschen.

Bist du selbst ein zerbrochener Mensch?

Mitte der 80er, Anfang der 90er gab es einen Punkt, an dem ich fast zerbrochen wäre. Aber ich musste auch schon mit 16 zu einem Psychologen gehen, weil ich eine Menge Probleme hatte. Ich war auf unterschiedlichen Medikamenten, die mich beruhigen und mein Temperament zügeln sollten. Ich habe ein Asperger Syndrom, eine Form von Autismus und interagiere nicht normal mit anderen Menschen, selbst meine Freunde finden mich oft schwierig. Meine Frau allerdings weiß, wie sie mich nehmen muss – sie ist einfach fantastisch. Wenn ich etwas mache oder sage, was unangemessen ist – und das meine ich nie beleidigend, mein Gehirn arbeitet einfach nur anders – dann kann sie die Wogen glätten und es den anderen erklären, ohne mich wie einen Idioten oder ein kleines Kind dastehen zu lassen.

Woher rührt deine Faszination für Maschinen und Technologie?

Ich glaube auch das hat etwas mit dem Asperger Syndrom zu tun, weil ich mit Menschen nicht gut kommunizieren kann. Mit Maschinen kommt man viel besser klar – du musst sie nicht unterhalten, dich nicht anbiedern und geistreich sein. Außerdem lassen sie dich nicht im Stich, sie sagen dir nicht das eine und meinen das andere, sie lügen nicht, brechen dir nicht das Herz, regen dich nicht auf, hintergehen dich nicht und sind ehrlich zu dir. Ich liebe sie. Wenn du in einer Maschine sitzt, die nicht richtig funktioniert, dann macht sie das nicht mit Absicht, sie hat es nicht getan um dich zu verletzen. Wahrscheinlich ist es sogar deine eigene Schuld, weil du sie nicht richtig gewartet hast. Das hört sich vielleicht albern an, aber deswegen komme ich mit Maschinen besser klar.

Würdest du – rückblickend – sagen, dass der Name Numan bezeichnend für deine Karriere war, da du dich ständig neu erfunden hast?

Das zu sagen wäre natürlich sehr eingebildet, er ist aber glaube ich repräsentativ für das, was ich versuche zu tun. Ich versuche wirklich, jedes Album einen Schritt weiter zu führen als das davor. Ich lehne mich nicht zurück, relaxe und wiederhole das, was ich zuvor schon gemacht habe, sondern interessiere mich immer eher für den Song, den ich noch schreiben werde als für den, den ich schon geschrieben habe. Daher mache ich auch keine dieser Nostalgie-Touren, die viele der Bands aus den 80ern machen – das ist so verdammt nostalgisch, I fucking hate that! Das ist so rückwärtig, das Gestern heraufzubeschwören, als wäre es etwas Besonderes gewesen – Schwachsinn! Absoluter Schwachsinn! Ich kann das nicht ertragen – manchmal wollen die mich in TV Shows haben, in denen ich alte Stücke aus den 80ern spielen soll, das lehne ich kategorisch ab. Ich habe ja sogar Ärger mit meinen Fans, weil ich ihnen live zu wenig alte Songs spiele. Ich versuche immer eine Balance aus alten und neuen Sachen zu finden – oft finde ich sie nicht und die Leute murren. Aber ich sehe es so: Alles bewegt sich nach vorne.

Am Anfang hast du gesagt, dass man schwer mit dir klarkommt, das kann ich jetzt aber leider nicht bestätigen.

(lacht) In Telefon-Situationen bin ich erträglich, wenn du mir Fragen zu Dingen stellst, die ich verstehe. Wenn wir uns irgendwo auf ein Bier getroffen hätten, fändest du mich in den ersten 30 bis 40 Minuten ziemlich schwierig, weil ich nicht wüsste, was ich sagen soll, und lange aufhören würde zu reden. Es gäbe dann dieses unangenehme Schweigen. Oder ich würde zu viel reden und du würdest denken, ich wäre ein kompletter Vollidiot. Eins davon würde ich tun, abhängig davon, wie paranoid oder seltsam ich mich fühle.



Interview: Ben Foitzik / Juli 2006 / Phoner

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