Billy Talent – Ian D’Sa & Jon Gallant im Interview
Im Headquarter des legendären unclesally*s in Berlin, das einer zugemüllten Teenagerbutze im Großraumbürostyle ähnelt, nimmt benrocks.de Billy Talents Gitarristen Ian D’Sa und Bassisten Jon Gallant bei einer Coke Light, freundlicherweise von Frau Anke S. für die Gruppentherapiesitzung spendiert, ins gnadenlose Kreuzverhör. Da konnte noch niemand ahnen, dass die Jungs mit “Billy Talent II” kurz darauf Platz 1 der deutschen Albumcharts erklimmen und in den kommenden Jahren die Leiter im internationalen Festival-Billing Sprosse für Sprosse nach oben kraxeln würden. Was für eine märchenhafte Erfolgsgeschichte.
„Billy Talent II” – die Nomenklatur eures zweiten Albums erinnert leicht an eine der größten Rock-Bands aller Zeiten…
Jon: Led Zeppelin?
Ganz genau. Absicht?
Ian: Nein – wir haben viel Arbeit in dieses Album und die Songs gesteckt, und als wir schließlich fertig waren, fiel uns einfach kein Name ein. Wir wollten keinen Namen haben, der so poetisch und tief ist, wollten uns davon distanzieren, was heutzutage jede Band macht: einen bedeutsamen und emotionalen Namen für ihr Album zu wählen.
Jon: Unser Fokus sollte auf den Songs liegen, wir wollten das Album aber auch nicht nach einem Song benennen, weil das wiederum den Fokus auf diesen einzelnen Song gelegt hätte. Wir hatten einfach das Gefühl, dass das Album ein ganz offenes Motiv hat.
Ian: Dass Bands wie Led Zeppelin ihre Alben einfach nur I, II oder III
genannt haben, fanden wir irgendwie cool – wir wollten diesen Bands auch in gewisser Weise huldigen, indem wir das Gleiche machen.
Seid ihr Fans von Led Zep?
Beide: Oh yeah, yeah, und von Van Halen auch!
Jon: Yeah, und Rambo! Ghostbusters…
Ian: Indiana Jones…
Werdet Ihr aus dem Zirkel ausbrechen?
Ian: Es wird ein drittes Album geben, vielleicht wird es „Billy Talent III“ heißen.
Es gibt eine ganze Menge Bands, die derzeit diesen Punk-Rock-Emo-Stil durchziehen, deren Songs aber nicht so im Ohr hängen bleiben wie eure. Was ist so besonders an Billy Talent, was ist das Geheimnis?
Ian: Das Geheimnis ist wohl, dass wir eigentlich in kein bestimmtes Musik-Genre passen. Einige nennen uns Emo, einige Punk, andere wieder Rock – vielleicht liegt es daran, dass wir diesen Spielraum haben. Wir können mit Punk-Bands, Emo-Bands oder Rock-Bands spielen, vermutlich kommt daher unser Durchhaltevermögen, weil wir unseren ganz eigenen Samen haben.
Jon: Was die Eingängigkeit unsere Melodien anbelangt – das liegt wahrscheinlich daran, dass wir so eine große Bandbreite an Musik mögen: von ganz hartem, zackigem Zeug wie Refused oder System Of A Down über Red Hot Chili Peppers bis hin zu The Police. Wir singen gerne die Songs mit und achten auf die Texte.
Apropos Eingängigkeit – liegt das daran, dass du als Gitarrist so stark in den Schreibprozess involviert bist, Ian?
Ian: Ja, das kann wohl sein. Ich war schon immer Fan dieser eingängigen, sich wiederholenden Ohrwurm-Melodien. Bestes Beispiel dafür sind wohl The Police, eine meiner Lieblingsbands. Selbst Nirvana haben das gemacht, bestimmte Passagen wieder und wieder wiederholt, 18-mal oder so, und die Melodien blieben einfach hängen. Das mag sich poppig anhören, aber wenn man es clever macht, dann hat es nicht den Anschein, poppig zu sein. The Police haben das perfektioniert.
Jon: Die Stimme, die Melodie ist wie ein Instrument im Song. Wenn dir eine gute Gitarren-Linie einfällt, die sich immer wiederholt, kann man diese Melodie auch leicht singen. Sich eine gute Melodie, ein gutes Riff auszudenken, ist eine große Herausforderung. Viele Bands haben keine Melodien, sondern nur Worte – und das ist super, weil auch das künstlerisch ist. Aber beides zu kombinieren, das ist die wahre Kunst.
Ian: Das ist ein gute Erklärung, so habe ich das noch nie gesehen. Zum Beispiel das Riff in „Walk this Way“, das ist so eingängig, da sollte es der Gesang auch sein. Es gibt jede Menge Bands, die großartige Melodien haben, aber so viel Drums und anderes Zeug drüberlegen, dass man sie einfach nicht mehr hören kann.
Jon: Das ist eine weitere Sache, die man beherrschen muss. Das haben wir durch Jahre und Jahre und Jahre an Erfahrung gelernt: Tritt nicht auf die Melodie. Geh drum herum und ergänze sie.
Ian: Genau. Bei allen großen Bands gab es bestimmte Fächer für die einzelnen Musiker: Robert Plant zum Beispiel hat eine Zeile gesungen und Jimmy Page hat sich dabei zurückgezogen und war für ein paar Momente still. Und als Robert fertig mit seiner Zeile war, fing Plant wieder an: ‚Dadadada!’ Das finde ich sehr wichtig, weil es jedem in der Band Raum gibt, sein Ding zu machen. In vielen Bands spielen alle einfach gleichzeitig, um sich gegenseitig zu übertrumpfen, und das hört sich meistens wie ein wildes Wirrwarr an.
Jon: Eine Band sollte wie eine gut geölte Maschine sein, sich gemeinsam nach vorne bewegen.
Wie wichtig ist Bens Stimme für den Erfolg von Billy Talent?
Ian: Er ist die Stimme der Band. Sie ist wahrscheinlich das Wichtigste in unserer Band, da sie so einzigartig ist und man sie sofort wiedererkennt.
Die Musik ist natürlich auch sehr einzigartig, die Riffs, der Bass…
Ian: Danke, Mann.
Jon: Yeah, die Gitarre ist großartig! Ich spiele zu Hause auch manchmal auf der Gitarre herum, und ich muss wirklich sagen, dass ich der allergrößte Fan unseres Gitarristen bin (lachen). Einfach nur großartig!
Seht ihr euch eigentlich auch als Punk-Musiker beziehungsweise ist eure Geisteshaltung von Punk-Idealen geprägt?
Ian: Ich würde nicht sagen, dass wir Punk-Musiker sind, weil wir nicht diese
Straßen-Mentalität wie andere Bands haben. Doch wir tragen eine gewisse Punk-Ethik in uns, hören Bands wie The Clash und verstehen, wie wichtig diese damals in den 70ern waren. Für uns waren das die wirklichen Punk-Bands – sie hatten eine Botschaft, waren klug, haben Leute beeinflusst, auf ihr Leben eingewirkt, und das einzig und allein mit ihrer Musik. Einfach nur zu sagen, dass man Punk ist, ein paar Piercings zu haben und einen Iro zu tragen – das bedeutet rein gar nichts, wenn man nicht pfiffig ist und keine Botschaft hat. Dann ist es einfach nur Mode.
Was ist also die Botschaft von Billy Talent?
Ian: Ich glaube, unsere Botschaft ist, dass man über die Dinge nachdenken sollte. Auf „Billy Talent II“ reißen wir viele Themen an und versuchen dabei, nicht zu belehrend rüberzukommen. Wir werfen sie einfach nur hinaus und die Leute sollen ihre eigene Meinung darüber bilden.
Jon: Dinge intelligent zu diskutieren.
Ian: Es geht um offene Kommunikation. Wir ermutigen die Leute, über Dinge nachzudenken und zu reden, sie in die eigene Hand zu nehmen, anstatt darauf zu warten, dass andere das tun.
Jon: Alles auszuwerten, das einem so präsentiert wird. Man sollte alles selbst beurteilen, eine eigene Meinung bilden und nicht nur der anderer folgen.
Wenn ihr auf Tour seid – macht ihr dann Rock’n’Roll oder eher mit Handbremse?
Jon: Wir verwöhnen uns mit Bier.
Ian: Yeah, wir haben gerne Spaß, aber die Band kommt zuerst. Vor dem Partymachen und Sich-wie-Vollidioten-Aufführen.
Jon: Genau. Wir trinken vielleicht mal ein paar Bier, bevor wir auf die Bühne gehen, aber wir werden nie nachlässig, da wir unseren Fans gegenüber die Verantwortung haben, eine gute Show hinzulegen. Sie kommen extra um uns zu sehen und lassen ihr hart verdientes Geld für die Tickets – wir schulden es ihnen einfach, unser Bestes zu geben.
Ian: Wir betrinken uns also nie, wenn wir noch spielen müssen.
Und Hotelzimmer zerlegt ihr dann wohl auch nicht.
Jon: Nein, nicht absichtlich. Jedenfalls bis jetzt noch nicht.
Kann man euch auch als politische Band bezeichnen? „Red Flag“ oder „Worker Bees“ suggerieren das ja schon irgendwie.
Ian: Diese Stücke sind definitiv politisch. Wir sind uns politischer und sozialer Dinge bewusst – das wäre sicher eine bessere Beschreibung. Wir haben uns dem nicht verschrieben, wollen aber definitiv das Bewusstsein bei bestimmten Dingen schärfen. Letztlich sind wir aber Musiker und keine Politiker. Einige Bands sind gerne sehr moralisierend in Bezug auf Politik und benutzen Musik als eine Form dafür. Und das ist absolut klasse – wenn man weiß, wovon man spricht. Anti-Flag zum Beispiel, die wissen das, sind darin und in ihrer Musik absolut großartig. Aber einige andere Bands, die wissen es nicht, benutzen ihre Musik trotzdem dafür und kommen am Ende nur belehrend und uninformiert rüber.
Wie würdet ihr den musikalischen Weg von „Billy Talent I“ zu „Billy Talent II“ beschreiben? Welche Einflüsse und Einsichten habt ihr erhalten?
Ian: Die Einflüsse waren wohl die gleichen wie immer. Wir haben uns beim zweiten Album aber als Musiker an Dingen versucht, die wir vorher einfach noch nicht umsetzen konnten.
Jon: Ian hat das Album koproduziert, das war auch ein großer Schritt, auf dieser Seite der Produktion zu stehen.
Ian: Wir wollten etwas abenteuerlustiger sein und auf diesem Album aus der Reihe tanzen. Nach zwei Jahren auf Tour sind wir einfach sehr viel bessere Musiker geworden und konnten Dinge probieren, die uns vorher nicht möglich waren. Auch Ben ist ein sehr viel besserer Sänger geworden.
Jon: Auf diesem Album konnten wir uns so richtig herausfordern. Wir wollen besser werden, in jeder Beziehung – als Musiker, als Texter, als Menschen, als alles.
Im Film „Hard Core Logo“ wird angedeutet, dass…
Jon: Hast du ihn gesehen!?
Nö, nur ein wenig recherchiert.
Jon: Dann hol’ dir das Buch, das ist wirklich gut. Der Film ist aber auch ziemlich interessant, er ist sehr kanadisch. Wenn du ihn siehst, wirst du wissen, was ich meine – er ist anders als amerikanische Filme.
Ian: Die Band im Film heißt Hard Core Logo und sie kommen nach ihrer Trennung wieder zusammen um zu touren und durchqueren Kanada von Toronto bis nach Victoria.
Und Billy Tallent hat seine Seele an die Musikindustrie verkauft…
Ian: Genau, der Gitarrist verrät die Band um sich einer künstlichen Hollywood-Grunge-Band anzuschließen, was schließlich den Untergang von Hard Core Logo einläutet. Wir fanden das ziemlich lustig, zumal der Name Billy Tallent so anmaßend und arrogant ist. Ziemlich ironisch also.
Und er hat die Band verlassen, weil er…
Jon: …auf das Geld scharf war. Er hat hart in der Band gearbeitet und nichts mit ihr erreicht. Als er also ein Angebot von einer größeren Band bekommen hat, hat er Hard Core Logo den Rücken gekehrt.
Ihr habt aber eure Seelen noch nicht an den Mammon verkauft?
Beide: Nein, bis jetzt noch nicht.
Hard Core Logo ist eine Band, die nie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden konnte – was sind eure Ansprüche?
Jon: Wir wollen einfach nur weiterspielen und Alben aufnehmen. Es ist wirklich kein großer Anspruch.
Ian: Wir haben eigentlich schon das Gefühl, all unseren Ansprüchen gerecht geworden zu sein. Allein, dass wir hier in Deutschland sitzen und dieses Interview machen können, das ist großartig. Die Band gibt es nun schon 14 Jahre – in den ersten zehn Jahren haben wir versucht, etwas mit unserer Musik zu erreichen. Jetzt sind wir hier, unser zweites Album ist draußen, das ist wie ein Traum, der wahr geworden ist.
Jon: Wenn man zurückblickt auf all die Dinge, die man gemacht hat und die zu ihrer Zeit vielleicht unbedeutend erschienen – das alles ist aus einem bestimmten Grund geschehen und hat einen hierher geführt. Verrückt! Ist das Leben nicht eine lustige Reise?
Was ist das Besondere an kanadischen Rock-Bands? Alexisonfire, Sum41, Our Lady Peace, The Tea Party – viele gute Bands kommen aus Kanada.
Jon: Das Coole an Kanada ist, dass kanadische Kunst von der Regierung gefördert wird.
In Amerika haben viele gute Bands vielleicht nicht die Möglichkeit, Karriere zu machen, aber in Kanada bekommen sie die Chance, sich zu entwickeln, weil es ein Unterstützungssystem gibt. Wir waren schon lange eine Band und borgten uns schließlich von der Regierung Geld, um 1999 unsere erste CD aufzunehmen. Das gab uns die Möglichkeit, die Dinge ins Rollen zu bringen. Vielleicht ist das der Grund, warum kanadische Bands oft so besonders sind. Fällt dir noch was anderes ein, Ian? Vielleicht das Klima. Das Touren ist in Kanada auch ein interessantes Abenteuer, weil es so ein riesiges Land ist. In Deutschland habt ihr 80 Millionen Menschen, in Kanada haben wir 35 Millionen – und es ist zehnmal so groß.
Ian: Der kanadische Winter ist ziemlich harsch – viele Menschen schreiben während des Winters und gehen im Sommer nach draußen. Es ist schön, vier Jahreszeiten zu haben, weil es einem im Winter Zeit gibt zu reflektieren, zu denken und zu schreiben und dann im Sommer sein Ding durchzuziehen und zu touren.
Wie reagieren die Leute in Amerika auf Euch? Gibt es Animositäten?
Jon: Nein, gar nicht, die amerikanischen Fans sind genau so unglaublich wie die kanadischen. Wir sind nur in Kanada viel erfolgreicher, das liegt aber daran, dass wir dort bessere Möglichkeiten hatten. Wir haben nie wirklich gute Touren in den Staaten bekommen, aber das werden wir bald ändern.
Mit „Billy Talent II“ seid ihr nun erfolgreicher als je zuvor – habt ihr manchmal Angst, dass mit wachsendem Erfolg auch die Schattenseiten des Ruhmes zutage treten?
Ian: Wir sind uns ihrer bewusst. Je größer man als Band wird, desto mehr Leute gibt es, die sagen ‚Oh, sie haben sich verkauft und sind Mainstream geworden!’ Aber das ist lächerlich – wenn du eine Band magst, magst du sie. Wenn du gute Musik magst, magst du gute Musik.
Jon: Ich vermute, dass es auch andere Nachteile gibt. Wenn du ein gewisses Level erreichst, wollen alle ein Stück von dir abhaben und versuchen, dich in eine gewisse Richtung zu drängen. Aber wenn du weißt, wer du bist, wenn du stark und ehrlich zu dir selbst bist, kann dir nichts passieren. Wenn das Album ein großer Erfolg ist, dann ist es ein großer Erfolg. Wenn nicht, lieben wir es trotzdem.
„Billy Talent II“ jedenfalls ist großartig.
Beide (lachen): Cool!
Jon: Klasse, danke!
Ian (leise zu sich selbst): Yes!
Jon:Wir haben dich!
Und dabei heißt es, dass das zweite Album einer Band das schwierigste ist.
Jon: Das ist es tatsächlich – aber wir haben uns richtig reingehängt.
Ian: Der Schlüssel dazu, ein gutes Album zu machen, ist, sich Zeit zu lassen. Viele Bands haben ein beschissenes zweites Album, weil sie von ihrem Label gezwungen werden, es in vielleicht zwei Monaten zu schreiben. Wir machen es nicht so – nur weil dein erstes Album erfolgreich war und man keine Zeit hat, ein zweites zu schreiben, darf man sich nicht drängen lassen. Wir waren in der Lage, dass wir genau zwei Monate Zeit hatten, das Album zu schreiben und zu produzieren, und man hat uns gedrängt. Und dann haben wir dem Label gesagt ‚Wisst ihr was, wir lassen uns damit jetzt einfach so viel Zeit, wie es braucht’, und aus zwei Monaten wurden acht, bis wir endlich mit den Songs zufrieden waren und ins Studio gehen konnten.
Jon: Du kannst auch schnell einen eingängigen Song hinzimmern, aber wenn du dir nicht die nötige Zeit dabei lässt, dann denkst du zwei Monate später ‚Verdammt, ich hätte dies und das in diesem oder jenem Part machen sollen’. Uns deswegen braucht es eben ein wenig, du kannst das nicht einfach so auswerfen. Wenn du eine längerfristige Band sein willst, lässt du dir Zeit.
Ian: Meine größte Angst ist es, auf etwas zurückzublicken, das man gemacht hat, und damit nicht glücklich zu sein. Denn es wird für den Rest deines Lebens dort sein.
Interview: Ben Foitzik / 18. Mai 2006 / unclesally*s, Berlin
Bilder: Ben Foitzik / 18. Februar 2007 / Sporthalle Alsterdorf, Hamburg


































