BEATSTEAKS – Arnim Teutoburg-Weiß im Interview
Dezember 2010
Am Tage zuvor parlierte benrocks.de noch ausgiebig mit den Beatsteaks-Gitarreros Bernd Kurtzke und Peter Baumann von Angesicht zu Angesichtern (das fast einstündige Interview steht in bälde ebenfalls an dieser Stelle zum Konsum bereit), nun steht Sänger Arnim Teutoburg-Weiß auf dem Programm. Bestens gelaunt – wie man ihn eben kennt – gibt der sympathische Berliner freundlich Auskunft zum neuen Album Boombox, das selbst den sonst eher als Beatsteaks-Skeptiker in Erscheinung getretenen Betreiber dieses Internetauftritts schon nach dem ersten Hördurchgang zum Schwärmen brachte: “Was für ein geiles Album!”, darf man benrocks.de gerne offiziell zitieren. “Supergeil” findet es Arnim sogar – aber leset doch einfach mal selbst!
Fast vier Jahre sind seit „Limbo Messiah“ vergangen – braucht eine Beatsteaks-Scheibe schlicht und ergreifend so lange?
Ich befürchte, ja. Wenn’s nach mir gehen würde, sind wir nächsten Dezember schon wieder mit der nächsten Platte am Start, wird aber schwer. Aber wir haben uns das auch hier wieder fest vorgenommen, da wir alle so ein bisschen das Gefühl haben, dass „Boombox“ wie ein Neustart ist. Wir haben ja eine Weile Pause gemacht und uns dann ein Studio im Proberaum gebaut, und irgendwie sind da jetzt noch mindestens 20 Demos, die zu bearbeiten sind, es geht also grad erst wieder los, habe ich das Gefühl.
Warum dauert es immer so lange?
Wir brauchen irgendwann einfach eine Deadline. Wir können an Musik ewig rumfummeln, und irgendwann haben wir beschlossen, wann wir wieder touren wollen, und dann rechnet man die Zeit zurück, wann eine Platte dazu erscheinen sollte, und dann hat man eine
Deadline und weiß, okay, wir machen jetzt diese zwölf Stücke fertig bis dann und dann. Also wenn’s mal zu lange mit einer Beatsteaks-Platte dauert, dann einfach eine Deadline geben und dann geht das schon irgendwie.
Wann genau fiel der Startschuss für „Boombox“?
Demos dazu habe ich das erste Mal Mitte 2009 gehört, angefangen haben wir dann im Januar, aber immer wieder mit Unterbrechung, weil uns das irgendwie nicht richtig angezeckt hat. Im Juli begannen die Aufnahmen im Proberaum, und ab da rollte das dann auch.
Was waren so die ersten Songs? „Access Adrenalin“, sagten mir Peter und Bernd gestern.
Ja, „Access Adrenalin“ war eigentlich so das Samenkorn, daraus entstand sehr viel, weil plötzlich so ein schönes Lied da war, das wir total toll fanden und das uns allen gleich viel bedeutet hat. Das war dann so ‚oh, wenn das geht, dann geht vielleicht auch noch ein bisschen mehr!’
Finde ich eigentlich komisch, weil ich eigentlich sagen würde, dass der Song der „konventionellste“ Beatsteaks-Song auf der Platte ist.
Auf jeden Fall, da geb’ ich dir total Recht. Ich finde auch, dass der in der Tradition von Midtempo-Nummern wie „Meantime“ oder „What’s Coming Over You“ steht. Aber dass wir gleich am Anfang wieder so einen hingelegt hatten, der uns allen so gefällt, das hat uns sehr angespornt.
Ist es dein Lieblingssong auf dem Album?
Nee, das ist er nicht. Ich hab’ keinen Lieblingssong auf dem neuen Album, vielleicht „Milk & Honey“. Aber ich find’ wirklich alle Songs voll gut, ich würde alle gerne live spielen und das wird nicht gehen. Das ärgert mich jetzt schon, ich verbringe manchmal Abende, an denen ich mir denke ‚welchen lassen wir denn nun weg?’ Das wird noch lustig bei der Setlist.
Ich bitte darum, dass ihr auf jeden Fall „Cheap Comments“ spielt.
Ja, ganz bestimmt! „Cheap Comments“ ist auch sehr lustig entstanden, denn es war so ein Demo, was ich zu Hause in der Küche gemacht hatte. Ich mache immer so Küchen-Demos, die heißen auch offiziell so. Ich habe nicht gedacht, dass wir das machen, dann fanden die anderen das Demo aber so gut, dass wir
den Song einen Tag später schon gespielt haben. Das war einer von den ganz schnellen, und ich bin auch sehr glücklich über den. Das hat sehr viel Spaß gemacht, den aufzunehmen, und bei dem freue ich mich extrem, ihn live zu spielen.
Du sagst, dass du dich gewundert hast, dass die anderen den gut finden – bei euch ist es also noch nicht so wie bei einem alten Ehepaar, dass der eine immer weiß, was der andere denkt?
Na ja, der betritt ja für unsere Verhältnis schon ein bisschen Neuland. Ich hab’ auch schon Demos abgeliefert, wo sie so gesagt haben ‚ey nee, ey komm’. Und ich dachte eigentlich, bei „Cheap Comments“ kommt auch wieder ‚ey nee, ey komm’, aber da kam dann ‚ey geil, Alter, lass machen! Ja, da fällt mir die eine Gitarre ein, ja ey, wir schreiben so einen Text und so, das wird der fieseste Text auf der Platte und du musst ihn dieses Mal nicht schreien!’ Und ich so: ‚Geil!’
Das Album klingt irgendwie großspuriger als früher. Wie wichtig war der Einfluss von Nick Launay auf den Sound von „Boombox“, der das Ding gemixt hat?
Sehr wichtig! Unsere letzten Rough-Mixe, die wie im Proberaum gemacht haben, klangen so richtig schön garagig, und wir fanden das alle sehr interessant, dass das so eine glänzende Garage wird. Und wenn ich das Album jetzt mit so poppigen Rock-Platten wie zum Beispiel den Pixies oder so vergleiche, die wir alle verehren, dann ist unsere Platte noch weit weg davon. Aber sie ist auch weit weg von „Limbo Messiah“, und das mit voller Absicht – wir haben letztes Mal so ein Brett gefahren, das war so ein langer ‚fuuuuuuck youuuuu!’-Schrei. Dieses Mal war die Stimmung einfach eine andere, weniger anti, weniger stressig, irgendwie war alles relaxter. Und so entsteht dann auch Musik bei uns. Ich hab auch immer das Gefühl, dass wir die beste Musik machen, wenn es uns sehr gut geht – finde ich jedenfalls. Aber die Platte klingt mit voller Absicht so, wir müssen immer Platten machen, die völlig unterschiedlich sind. Wie das jetzt jeder da draußen findet, weiß man nicht. Wir finden es natürlich besser, sonst hätten wir es ja nicht gemacht. Und die nächste Platte wird schon wieder anders.
Er redet schon von der nächsten Platte.
Na hallo!?
Aber wie passt dann ein 70-Sekunden-auf-die-Fresse-Song wie „Behavior“ auf das Album, wenn es euch ganz gut ging?
Das Album ist ja vom Tempo her ein bisschen langsamer als alle anderen Alben, glaube ich, ein bisschen gechillter. Und „Behavior“ war dann tatsächlich der Moment, als Bernd einfach die Schnauze voll davon hatte. Und genau dann kam der Song und wurde an einem Tag eingeprügelt und gesungen. Grandios.
„Boombox“ ist ja eine Anspielung auf euren Proberaum. Wo ist die Connection?
Wir haben irgendwie nach einem Wort gesucht, das es für das Album auf den Punkt bringt. Und bei „Boombox“ haben wir irgendwie alle gedacht ‚ah, das is’ es doch dann’. Das ist jetzt nicht der aufregendste Titel der Welt, beschreibt das Album aber für mich ganz gut. I don’t know, Albumtitel zu finden is’ ja
immer so ne Sache. Die Platte könnte von mir aus auch „supergeil“ heißen. „Boombox“ klingt gut, ist kurz, sieht gut aus, wir haben ein Hammer-Cover, Punkt.
Gab’s noch andere potenzielle Titel?
Die verrate ich jetzt natürlich nicht mehr. Aber grandiose Sachen! Ich kann dir einen von der Liste sagen, die auf keinen Fall hätten passieren dürfen: „Happy Life“.
Ihr habt das Album dann ja auch tatsächlich im Proberaum aufgenommen – kannst du sagen, was dieser Raum für dich persönlich für einen Stellenwert hat? Hat das einen nostalgischen oder emotionalen Wert?
Das ist mein Arbeitsplatz, das ist mein Leben, mein Beruf, der Treffpunkt mit meinen Freunden, der Platz, an dem ich den Alltag da draußen vergessen, mit meinen besten Freunden Musik machen kann oder auch nur hören kann. Wir sind alle in der Nähe von diesem Raum, und solange das so ist, genieße ich das sehr.
Ist das auch euer Ur-Proberaum?
Nein, ist es leider nicht. Der ist in Berlin Mitte, in der Alten Schönhauser. Und der, in dem wir seit neun Jahren sind, ist… noch woanders (lacht).
Wie sehr würdest du dich freuen, wenn „Boombox“ jetzt endlich mal auf die 1 geht?
Dann freue ich mich sehr für mein Management und meine Plattenfirma und meine Eltern. Mir persönlich ist es wirklich nicht so wichtig, aber ich würde mich freuen für alle, die es eben freut.
Es wäre ja langsam mal überfällig.
Ach, dann kommt da bestimmt wieder irgend so ein Grönemeyer dazwischen und dann ist kein Land in Sicht.
Interview: Ben Foitzik / 10. Dezember 2010 / Phoner
Bilder: Ben Foitzik, Hadley Hudson
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