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Arch Enemy – Angela Gossow im Interview

Arch Enemy
September 2009
Irgendwo in der schwedischen Einöde sitzt Arch-Enemy-Frontfrau Angela Gossow und parliert wie ein prickelnder Wasserfall über ihre Band, das neue Album “The Roots Of All Evil”, auf dem die deutsch-schwedische Melodic-Death-Kapelle die Highlights der ersten drei Band-Alben (bei denen Frau Gossow noch nicht mit an Bord war) neu eingespielt hat, und darüber, warum sie so verdammt wütend auf die Welt ist. Ein kleiner Tipp: Das hat unter anderem mit Plastiktüten zu tun. Zwar chartete das neue Werk jüngst “nur” auf 84 in den deutschen Longplay-Charts – für ein Album mit neu eingespielten Versionen alter Songs ist das jedoch aller Ehren wert. Ein langes Gespräch mit einer der wichtigsten Ladys im Metal-Zirkus.

“Wenn ich nicht beim Heavy Metal wäre, würde ich wahrscheinlich bei Green Peace auf dem Boot sitzen und Walfänger angreifen”

Habt ihr schon länger mit dem Gedanken gespielt, die „alten“ Songs neu einzuspielen, mit dem „ultimativen Line-up“?
Wir werden schon seit 2003 von unseren Fans und auch mal von Magazinen gefragt, ob wir das nicht mal machen wollen, weil es doch cool wäre, von alten Songs auch mal eine neue Version oder sie auch mal live zu hören. Wir haben ja auch viele jüngere Fans, die vielleicht mit der „Doomsday Machine“ reingekommen sind und die alten Songs noch nicht so kennen, was natürlich doof ist, weil das eigentlich die Kids sind, die live dann immer die Action machen. Und dann haben wir uns eben gesagt ‚gut, picken wir uns die Rosinen raus, die wir gerne mal wieder live spielen würden, und geben denen ein zweites Leben’. Wir hoffen natürlich, dass das dazu führt, dass sich die Leute dann auch mal wieder die ersten drei Alben von Arch Enemy anhören, auf denen ja auch noch mehr Songs drauf sind.
Es geht euch also schon darum, die Leute auf die alten Sachen aufmerksam zu machen? Nicht nach dem Motto ‚Das war die Vergangenheit und wir machen es jetzt noch mal richtig!’?
Nein, dann hätten wir ja alles noch mal neu aufnehmen müssen. Nur so als Erinnerung: ‚Hallo! Es gibt drei Alben von Arch Enemy, auf denen ist zwar ein anderer Sänger drauf, die sind aber auch ganz cool!’ Das sind eben nicht solche Kult-Alben wie „Sabbath Bloody Arch Enemy Sabbath“ von Black Sabbath oder „Kill ’Em All“ von Metallica, die nicht in Vergessenheit geraten, sondern die kommen aus einer Zeit, in der Arch Enemy eher einen Projekt-Charakter hatten. Die sind damals auch nie zu den Alben getourt, deswegen sind die schon ein bisschen untergegangen. Und jetzt bringen wir sie halt wieder ans Tageslicht.
Hattet ihr Bedenken, dass ein paar Puristen sagen könnten ‚Das sind meine Lieblingsalben von damals – warum nehmen die die wieder neu auf?!’
Das machen wir ja nicht, weil wir immer nur drei oder vier Songs pro Album genommen haben – die Puristen können dann ja die anderen acht Songs pro Album exklusiv für sich behalten. Wir sind eine Heavy-Metal-Band – im Prinzip machen wir uns über so etwas überhaupt keine Gedanken. Heavy Metal ist für mich der Inbegriff von Freiheit, auch von künstlerischer Freiheit. Und wenn man sich ständig von allen Seiten reinreden lassen würde, dann hätte man ein bisschen sein Ideal verfehlt. Dann sollte man so was wie Britney Spears machen, da kann man sich ständig von irgendwelchen Leuten reinreden lassen – das gehört zu solcher Musik ja fast schon dazu. Wir sind natürlich sehr eigensinnig als Band, das macht ja auch das Flair des Heavy Metal aus.
Deswegen gibt es wahrscheinlich auch so eine große Streitkultur im Heavy Metal.
(*Lacht*) Ja, das stimmt schon, allerdings wohne ich dieser Streitkultur nicht so bei. Das ist etwas, was ein bisschen Fan-orientierter ist – die haben ja nicht ihre eigene Band und müssen sich dann eben über die anderen streiten. Wohingegen wir mit Arch Enemy unser eigenes Ding machen – wir sind so eine Art Rammbock, wir sehen rechts und links nichts und gehen einfach immer geradeaus durch alle großen, schweren Mauern durch.
Du hast gesagt, dass es euch auch darum ging, die alten Nummern live spielen zu können. Musstet ihr sie dafür wirklich komplett neu überarbeiten?
Wir haben die anfangs ja immer mal wieder live gespielt, aber das Problem ist, dass viele Leute die Songs nicht kennen. Die fragen nach der Show dann manchmal ‚Ey, habt ihr da einen neuen Song gespielt?’ – und dabei war der 13 Jahre alt. Deswegen haben wir sukzessive einen Song nach dem anderen wegfallen lassen, weil die Reaktion so verhalten war. Ich denke, das wird sich jetzt ändern, weil das als „neuer“ Release natürlich wieder Aufmerksamkeit bekommt.
Es ist ja auch faszinierend, wie zeitlos die Nummern sind – das funktioniert ja immer noch recht gut.
Ja, das stimmt. Allerdings sind die jetzt auch nicht 25 Jahre alt. Das wäre dann natürlich schon was anderes. Daran sieht man aber, dass sich Arch Enemy jetzt nicht massiv Arch Enemy verändert haben. Andere Bands wie zum Beispiel Paradise Lost oder My Dying Bride haben als extreme Doom Death Metal Band angefangen und sind heute mehr so Gothic und melodiös geworden, da ist ein krasser Unterschied. Oder auch Tiamat zum Beispiel. Arch Enemy sind bei ihren Trademarks geblieben, und dann kann man das ganz gut integrieren. Wir waren schon immer Melodic Extreme Metal und hatten schon immer viele Melodien drin – vielleicht mal so eine 70s-Rock-Einlage in einem Death Metal Song oder so. Irgendwie haben wir aber die Trademarks beibehalten, deswegen gibt es da nicht so einen extremen Bruch.
So was mag ich persönlich ja. Die Bands, die du gerade alle erwähnt hast, habe ich früher verehrt – und dann ist das Interesse mit der Zeit einfach weggebrochen.
Deswegen sage ich das ja gerade. Mir geht das genauso – bei Paradise Lost hat es für mich nach „Lost Paradise“ und der „Gothic“ aufgehört, weil sie versucht haben, wie Metallica zu klingen. Da habe ich dann  den roten Faden verloren, das klang mir zu anders.
Wie hoch war der Arbeitsaufwand für euch, die alten Songs neu einzuspielen – im Vergleich dazu, als wenn ihr komplett neue Musik komponiert hättet?
Bei einem neuen Album ist immer ein Angstfaktor dabei, weil man ja als Musiker immer erst zwei Jahre nach Veröffentlichung des Albums weiß, ob die Songs auch wirklich gut waren, weil man wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Man ist zu nah dran und fragt sich bei einem neuen Album im Studio ständig, ob das gut ist, und man verändert ständig etwas. Man muss eben alles von Grund auf neu erschaffen und arbeitet viele Wochen daran. Wohingegen das bei Songs, die es schon gibt und die man nicht mehr hinterfragen muss, wirklich Kindergarten, Kinderkacke ist. Das macht dann halt einfach nur Spaß, das ist so, als würde man seine Lieblingsband covern – da heißt es dann einfach nur: ‚Geiler Song – den spielen wir jetzt mit Schmackes ein!’ Anstatt sich ständig zu fragen ‚Ist das wirklich ein guter Song? Ist das das Maximale, das wir rausholen können? Kommt der Arch Enemy überhaupt aufs Album?’ Der ganze Druck und der Stress ist da komplett weg und deshalb macht es eigentlich auch nur Spaß, so was zu machen.
Du hast gesagt, es dauert zwei Jahre, bis man ein Album einschätzen kann – dann müsstest du ja jetzt wissen, wie gut „Rise of the Tyrants“ ist.
(*Lacht*) Ja, ich finde, das ist ein super Album – ich wünschte mir nur, wir hätten das noch einmal neu gemixt und gemastert. Ich finde den Sound ein bisschen… schlecht. Irgendwie ist der mir zu mittig und kratzig und ein paar Instrumente kommen nicht so glasklar raus. Wenn man das so richtig aufdreht, dann kracht’s ein bisschen, aber auf die falsche Art und Weise. Mit zwei Jahren Abstand hätte ich da den Mix gerne noch einmal neu gemacht. Aber von den Songs her ist das Album immer noch sehr sehr stark.
Nach welchen Kriterien habt ihr die Songs für die „neue“ Scheibe überhaupt gepickt?
Zu einem Teil persönliche Präferenzen – jeder hatte so ein paar Songs, die er gerne noch mal machen wollte. Ich wollte zum Beispiel unbedingt mal „Diva Satanica“ und „Demonic Science“ machen, weil das zwei meiner Lieblingssongs sind. Die anderen wollten andere Songs – aber einige sind tatsächlich auch von Fans, die uns gefragt haben, ob wir nicht mal diesen oder jenen Song machen könnten. Das hatten wir natürlich alles im Hinterkopf und wussten auch, dass das starke Songs sind, die auch live gut rüberkommen. Dann haben wir 20 Songs rausgepickt und zwölf davon behalten, die wir dann eingespielt haben.
Das Ergebnis heißt „The Root of All Evil“ – ist das als Reminiszenz an die Roots von Arch Enemy zu verstehen?
Genau. Das ist die eine Bedeutung: Das sind die Roots, da kommen Arch Enemy her. Dann ist Arch Enemy natürlich auch der Erzfeind und auch ein biblischer Ausdruck – das passt auch so ein bisschen zusammen. Und man sieht auf dem Cover auch das Gehirn eines Totenkopfes – da liegen ja auch die „Roots of All Evil“. Das hat ein paar verschiedene Levels, wir haben ein bisschen mit dem Gedanken gespielt. Das ist ja auch ein klassischer Ausdruck in der Bibel.
Ein richtig schöner Death-Metal-Albumtitel.
Ja, genau, das wollten wir damit auch bezwecken. Wir wollten es eben nicht „Back to the Vault“ oder „Demos 1999“ nennen, wie die meisten Bands das machen – weil es eben nicht die Originalaufnahmen sind, es sind ja neu aufgenommene Songs. Das wollten wir damit Arch Enemy irgendwie rüberbringen – dass es zwar etwas Altes ist, aber in neuem Gewand, also keine Compilation von alten Songs.
Und für dich persönlich wäre die Wurzel alles Bösen… der menschliche Faktor?
Ja, genau, da kommt das Böse ja her, das entsteht bei allen Leuten im Kopf. Neid, Missgunst, Habgier, Eifersucht – das sind ja die menschlichen Themen, aus denen die schlimmsten und auch die ganz kleinen Kriege entstehen. Das ist so meine spirituelle Ebene, die ich darin sehe – ein Teil dessen, worüber wir auch textlich singen. „The Blood on Your Hands“ zum Beispiel und „Dead Eyes in Our Future“, wir haben ja viele solche Themen.

Wer muss, der kann nun mal eben die Blase leeren – und dann geht’s maximal erleichtert weiter zu Teil zwei

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