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Amorphis – Esa Holopainen im Interview

Amorphis
April 2009
Da denkt man, man bekommt einen wortkargen Nordmann ans Rohr, dem man Fragen im Sekundentakt in den Hörer bellen muss, damit überhaupt irgendwas Vernünftiges dabei herausspringt – und dann labert einem dieser Esa Holopainen 40 Minuten lang ein saftiges Elchkotelett an die Kotelette. Das neunte Amorphis-Album, “Skyforger”, scheint sämtliche Kreativknoten bei den Mannen aus dem Land der tausend Tümpel gelöst zu haben und ist – so wird der Verfasser dieser Zeilen nicht müde zu betonen – ein ähnliches Husarenstück wie das 14 Jahre alte Opus Magnum “Elegy”. Episch, wuchtig, grandios – Amorphis sind endlich zurück von ihrer Odyssee durch die Klangmeere dieses Kosmos.
Danke, Esa und Co., für dieses große Stück Musik. <

“Die Finnen sind alle nicht ganz dicht”

Wie sieht’s aus, Esa, hast du schon ein wenig Distanz zu eurem neuen Werk und seinem Entstehungsprozess aufbauen können?
Nun, der Songwriting-Prozess began vor etwa einem Jahr, als wir noch Shows für “Silent Water” gespielt und das Album promotet haben. Wir entschieden uns damals, in den Proberaum zu gehen und zu schauen, ob etwas dabei herausspringt. Schon vor den Festivalshows im vergangenen Sommer hatten wir viele der Songs fertig und haben uns dann entschieden, das Studio für Ende des Jahres zu buchen. Nach dem Motto: Scheiß egal, was passiert, lasst uns einfach ins Studio gehen und ein Album aufnehmen. Glücklicherweise waren wir in großartiger Stimmung um Musik zu schreiben, die Chemie in Amorphis der Band war einfach hervorragend. Wir haben immer mehr Uptempo-Songs geschrieben und mehr und mehr melodiöse Songs tauchten auf, was im Prinzip auch ein Thema dieses Albums ist. Es ist viel melodischer als zum Beispiel “Silent Waters”.
Du sagst, dass die Stimmung gut war innerhalb der Band. Wie wichtig ist so etwas dafür, ein gutes Album zu machen? Habt ihr je eins aufgenommen, bei dem die Stimmung alles andere als gut war?
(*Lacht*) Ja, die gab es wohl! „Far From the Sun“ ist so ein Album. Da waren gute Songs drauf, aber die ganzen Umstände dieser Zeit spiegelten sich im finalen Resultat: Pasi hatte unter Motivationsproblemen zu leiden, und jeder von uns konnte das auf dem Album hören. Das war auch das einzige Album, das wir für die EMI gemacht haben, was mehr oder weniger ein Desaster war (*lacht*). Aber von da an gab es nur noch einen Weg, und der ging nach oben! Alles hat sich wieder zusammengefügt, als wir Tomi, unseren Sänger, gefunden hatten, und wir haben Musik für „Eclipse“ geschrieben und sind wieder zu Nuclear Blast zurückgegangen. Vieles veränderte sich zum Guten – das sieht man auch daran, dass „Skyforger“ das dritte Album ist, das wir in der gleichen Besetzung eingespielt haben. Auf jedem Album vor „Eclipse“ hatte es immer irgendeinen Line-up-Wechsel gegeben, was man immer auch im Endergebnis gehört hat. Mit Tomi hat die Band nun eine neue Ära eingeläutet und ihre Leidenschaft fürs Musikmachen wieder entdeckt. Wir genießen jetzt wieder das, was wir tun, jeder steckt sein ganzes Herzblut in die Musik, und das kann man eindeutig beim neuen Album hören.
Ich wollte das ohnehin fragen: War Tomis Ankunft in der Band wie eine Art Wiedergeburt für Amorphis, die neue Energien freigesetzt hat?
Auf jeden Fall. Wenn ich an die Zeit vor Tomi zurückdenke, an das letzte Jahr mit Pasi, dann war das damals ein vollkommen andere Band. Es ist unglaublich, wie eine einzige Person eine Band zum Positiven hin beeinflussen kann. Als er in die Band kam, wollte er, dass wir ein paar der alten Songs spielen, weil er die alten Amorphis-Alben liebte. Also haben wir ein wenig geprobt und Songs gespielt, die wir jahrelang nicht angerührt hatten – und Tomi hat sie hervorragend gesungen. Es war schön, die Leidenschaft in seinen Grunz-Parts zu hören. Sofort beschlossen wir, dass es das ist, worum es in dieser Band geht, und haben die Songs wieder in unsere Setlist aufgenommen. Und bei jedem der folgenden Gigs waren wir begeistert, dass wir tatsächlich wieder einen Sänger hatten, der grunzen will und es genießt, auf der Bühne zu stehen. Und Schritt für Schritt sind wir nun zu unserem dritten Album mit ihm gekommen, auf der einen absolute hervorragenden Job gemacht hat.
Mir kommt es fast so vor, als kämen Amorphis mit “Skyforger” von einer 13-jährigen Reise zurück, da mir das Album wie der würdige Nachfolger von “Elegy” vorkommt. Siehst du eine Verbindung zwischen diesen beiden Alben?
Ja und nein. Du bist jedenfalls nicht der Erste, der das sagt. Es gibt tatsächlich ein paar Parallelen zu „Elegy“: Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir die Songs für „Elegy“ geschrieben und das Album aufgenommen haben – es war schließlich das Album unserer ersten Ära, das das bis dato melodischste war. Wir haben damals unheimlich viel gespielt und geprobt, und so war es jetzt auch wieder bei „Skyforger“. Wie du schon sagst, es gibt viele ähnliche Elemente, das Album könnte tatsächlich eine natürliche Weiterführung von „Elegy“ sein. Thematisch allerdings sieht es ein wenig anders aus: Der Vorgänger „Silent Waters“ hatte eine dunklere Geschichte, in der ein Mann in die Unterwelt hinabsteigt. „Skyforger“ hingegen erzählt die Geshcichte des alten Schmiedegottes, der als Erschaffer der Götter galt und von dem die Leute glaubten, dass er den Himmel und die Erde Amorphis erschaffen hatte. Das Album handelt also viel vom Erschaffen, viele der Geschichten sind ziemlich bombastisch und massiv, von daher sollten auch die Songs auf dem Album sehr gewaltig sein – wir wollten eine absolut epische Atmosphäre auf diesem Album haben. Auch in dieser Beziehung ist es „Elegy“ tatsächlich ziemlich ähnlich.
Hörst du dir eure alten Alben manchmal noch an? Ist das so, als würde man ein altes Fotoalbum durchblättern?
So ähnlich. Dann und wann, wenn man einen neuen Song zum Set hinzufügt, geht man auch die alten Alben noch einmal durch. Vor kurzem habe ich mir die „Elegy“ noch einmal angehört und finde sie immer noch ziemlich attraktiv. Einige Sachen würde man heute sicherlich anders machen, aber heute ist heute und das war vor 14 Jahren. Damals haben alle noch für Tapes aufgenommen und es gab überhaupt kein digitales Equipment. Das war alles ziemlich pur damals. Ich weiß nicht, es gibt dir einfach ein paar gute Erinnerungen, wenn du dir die alten Alben noch einmal anhörst. Du erinnerst dich an Dinge und Gefühle, die du längst vergessen hattest. Außerdem sing auf „Elegy“ ein paar unserer großartigsten Songs – ein Stück, das ich definitiv noch einmal live spielen will, ist der Titeltrack „Elegy“. Das ist ein großartiger Song. Vielleicht machen wir das ja eines Tages noch mal.
Vielleicht ja schon diesen Herbst?
Na ja, wir werden sehen (*lacht*)
Die erste Single des Albums ist „Silver Bride“ – ein Track. der fast schon poppig ist und meiner Meinung nach auf allen Radiosendern rotieren sollte. Habt ihr den Song wegen seines Pop-Appeals als erste Single ausgewählt?
Zum größten Teil ja. Wir haben einigen Leuten in unserem Umfeld ein paar der Songs, von denen wir dachten, dass sie sich als Single eignen würden, vorgespielt, und bei „Silver Bride“ hat jeder sofort gesagt ‚der funktioniert als erste Single!’. Heutzutage Singles rauszubringen ist ein bisschen bescheuert – ein Gedanke, eine Single in Finnland rauszubringen, war, dass so etwas natürlich ein Sammlerstück ist. Letzten Endes ist der hauptgedanke hinter einer Single aber, das Album zu promoten, indem man Airplay bekommt. Ich habe heute gehört, dass unser lokales Radio Energy, das sonst nur Dance Music sendet, tatsächlich „Silver Bride“ gespielt hat. Ich habe keine Ahnung, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht – jetzt ist es bestimmt wieder der totale Sellout (*lacht*). Andererseits ist das allererste Mal, dass sie irgendetwas mit Grunzen spielen, insofern können wir schon ein wenig stolz sein. Aber die Finnen sind ja eh alle nicht ganz dicht (*lacht*).
Ihr müsst ja auch die Musikheiden missionieren.
Auch wieder wahr.
Du hast gesagt, dass das neue Album nicht so düster ist wie “Dark Waters” – im Album-Info steht aber, dass es ein düsteres Album sei. Wie würdest du die Grundstimmung des Albums denn nun beschreiben? Welche Gefühle wollt ihr beim Hörer auslösen?
Vieles hängt von der richtigen Reihenfolge der Songs ab. Es ist enorm wichtig, eine Art Drama auf dem Album zu haben: Es muss intensive beginnen, kann dann ein paar launischere Parts haben und gibt dir zum Schluss den finalen Kick – dadurch fesselst du den Hörer und hast zu jeder Zeit seinen Fokus auf dem Album, was bei einem Konzeptalbum natürlich umso wichtiger ist. Du musst erreichen, dass der Hörer dein Album von Anfang bis Ende durchhören will, und dazwischen musst du ihm natürlich ein paar besondere Erlebnisse präsentieren. Wir dachten, dass der erste Song, „Sampo“, vielleicht nicht der komplexeste Song des Albums ist, in dem aber ziemlich viele Dinge passieren. Es ist auch nicht der kürzeste Song und insofern ziemlich schwierig am Anfang des Albums. Wenn wir uns das Album jetzt anhören, finden wir, dass das tatsächlich der perfekte Song ist, um in das Album einzusteigen. Quer durch unsere Musik wollen wir verschiedene Amorphis Gefühle und Stimmungen vermitteln: Einige Songs sind eher emotional, andere härter und eingängiger – das sind die Elemente, die uns wichtig sind und die wir mit unserer Musik anbieten wollen.
Irgendwo hast du gesagt, dass “Skyforger” euer bislang musikalischstes Album ist – wie hast du das gemeint?
Aus meiner Perspektive ist es unser musikalischstes Album. Ich für meinen Teil – vielleicht war das bei den anderen auch so – musste auf diesem Album viel mehr spielen als auf denen davor. Nur bei “Elegy” war es damals ähnlich. Ich musste jetzt sogar einige Parts richtig üben – es war nicht mehr so, dass man in den Proberaum geht und die neuen Songs einstudiert, sondern man musste in einigen Phasen wieder richtig hart trainieren. Es gab also viel Arbeit zu tun – es gibt sogar Songs, bei denen ich permanent spielen muss, entweder die Melodien oder Bass oder was auch immer. Es gibt Stücke, bei denen ich einfach keine Verschnaufpause bekomme (*lacht*), und das macht das Ganze viel anspruchsvoller. Und wenn so ein Album dann fertig ist und man zurückblickt, dann merkt man erst, was man geleistet hat und dass es verdammt harte Arbeit war. Für dieses Album haben wir außerdem insgesamt 17 Tracks aufgenommen, man musste also allein schon durch die Masse der Songs viel mehr üben als bei „Silent Waters“.
Ich denke, eine eurer großartigsten Eigenschaften ist, dass euer Sound einfach unverwechselbar ist – was nicht wirklich viele Metal-Bands von sich sagen können.
Das ist ein tolles Kompliment – das beste Feedback, das du als Band bekommen kannst. Wir hatten schon immer unsere ganz eigene Art, Musik zu machen und Songs zu arrangieren. Wir haben eine Gitarre, die permanent irgendetwas spielt, es gibt zu jeder Zeit irgendwelche Melodien. Selbst dann, wenn man sie nicht braucht, gibt es eine unterschwellige Melodielinie. Außerdem verbinden wir immer die Keyboard- und Guitarren-Melodielinien. Das sind wohl die Elemente, die unseren Sound so unverwechselbar machen.

Kleine Pinkelpause und dann weiter zu Teil zwei

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