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Alice In Chains – Jerry Cantrell & William DuVall im Interview

Alice In Chains
August 2009
Eigentlich hatte Ben gar kein Interview mit Alice In Chains angefragt. Als dann jedoch eine Bestätigung kam, dass das Gespräch mit den Grunge-Ikonen klar geht, wäre es natürlich unhöflich gewesen abzusagen. Zumal das neue, vierte Alice-In-Chains-Machwerk “Black Gives Way To Blue”, 14 Jahre nach dem letzten Studioalbum und sieben nach dem Tode Layne Staleys, ein saugutes Stück Musik geworden ist – auch oder gerade weil nun ein “Neuer” am Mikro den Ton angibt. William DuVall heißt besagter Mann, der an einem regnerischen August-Tag im Hamburger Hyatt auf der AIC-Luxus-Suite hockt und freundlich Rede und Antwort steht. Neben ihm sitzt eine ultracoole Rocksau mit nassem Haar und lässiger Sonnenbrille auf dem Zinken – das grummelige Band-Oberhaupt Jerry Cantrell. Als dann der Manager aber endlich das Frühstück (fetttriefende Fastfood-Burger und ebensolche Pommes) hereinbringt, wird doch noch alles gut.

“Wir sind keine beschissenen Zimmermänner, keine beschissenen Wallstreet-Typen. Wir sind Musiker, und das ist es, was wir tun.”

Viele Menschen haben sicher daran gezweifelt, dass es je ein viertes Album von Alice In Chains geben würde. Und viele Menschen sind jetzt vermutlich auch ziemlich weggeblasen von diesem Album.
Jerry: Vielleicht gab es ein paar ungläubige Thomase…
Die gibt’s ja immer.
Jerry: Und sie heißen immer Thomas (*William bricht in Gelächter aus*). Ich mach’ nur Witze, Mann, wir haben einfach nur Spaß. Man muss manchmal auch ein bisschen lachen. Lass es mich so formulieren: Es hat auch uns überrascht – nicht, dass wir so ein Album gemacht haben wie dieses, denn es ging uns schon immer darum, großartige Musik zu Alice In Chains machen, und wir haben viel Zeit und Arbeit in dieses Album gesteckt, wie in jedes Album, das wir früher gemacht haben. Das ist das Allerwichtigste: Wenn du keine guten Songs und keine gute Musik hast, dann hast du nichts als Scheiße.
William: Das Einzige, was man vielleicht als Überraschung bezeichnen könnte, ist, dass es anfangs keine Agenda für uns gab. Als das alles hier Anfang 2006 in Bewegung kam, gab es keine großen Pläne, ein Album zu machen. Wir wurden aber von Fans, anderen Bands und vom Universum darin bestätigt, dass wir auf dem richtigen Wege waren. Also beschlossen wir, unsere Ideen, die wir während der langen Tour in 2006 und 2007 gesammelt hatten, zusammenzutragen, anschließend ins Studio zu gehen, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Es bestand überhaupt kein Zweifel daran, dass wenn etwas veröffentlicht werden würde, es zumindest uns rocken würde. Wir veröffentlichen nichts, das nicht unseres Ansprüchen genügt – wir selbst sind unsere härtesten Kritiker. Wir haben immer hart gearbeitet, ich habe immer hart gearbeitet in meinem ganzen beschissenen Leben, auch bevor ich gefragt wurde, ob ich in diese Band kommen will. So gesehen ist es keine Überraschung für uns, dass das Album gut ist – wenn es das nicht wäre, würde es nicht erscheinen.
Was mich wirklich überrascht hat, ist, dass das neue Album sofort die Gefühle zurückgebracht hat, die ich hatte, als ich Alice In Chains vor 15 Jahren gehört habe.
Jerry: Super, wir klingen wie wir selbst – das ist ein gutes Zeichen (*lacht verächtlich*).
Nach so einer langen Zeit tun sich viele Bands schwer, an alte Erfolge anzuknüpfen. Warum ist es euch gelungen, den alten Geist nach so vielen Jahren wieder heraufzubeschwören?
Jerry: Das ist tatsächlich ein berechtigter Punkt, den du da anführst. Es ist nicht einfach, an alten Ruhm oder was auch immer anzuknüpfen. Der Trick aber ist: Versuch’ es gar nicht erst! Geh’ einfach nur weiter dorthin, wohin dich der Strom treibt – in Ermangelung einer besseren Metapher. Die Überraschung, wie William schon gesagt hat, ist, dass wir uns überhaupt zusammengetan haben. Eins führte zum anderen, die Anfänge waren sehr bescheiden und selbstbezogen: Wir waren frei und klar im Kopf, wir hatten niemanden im Nacken, wir schuldeten niemandem ein Album und wir hatten in der Vergangenheit genug Geld verdient, um weiterleben zu können, ohne uns große Sorgen machen zu müssen. Es war also eine völlig coole Angelegenheit: Ich kann verdammt noch mal großartige Songs Alice In Chains machen, ich kann durch die Welt reisen und sie Menschen vorspielen, die uns in guten wie schlechten Zeiten unterstützt haben, und bin dabei mit meinen Freunde zusammen. Das ist das gute Zeug.
Ihr hattet also keinen Druck?
Jerry: (*Lacht*) Vielleicht keinen Druck von außen, aber natürlich gibt es einen Standard, an dem wir uns orientieren und immer orientiert haben. Ich bin schon sehr lange in dieser Band und ich habe die Veränderungen, die Kurven miterlebt. Es fühlt sich immer noch richtig an, es fühlt sich wirklich gut an, und all die Gründe, aus denen wir es früher gemacht haben, sind heute immer noch intakt. Wir gehen das Ganze immer noch auf die gleiche Art und Weise an wie früher.
William: Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen dieser neuen Inkarnation der Band und der alten. Sie haben sich damals als Freunde zusammengetan und haben angefangen, Musik zu machen, und diese dann in die Welt getragen. Und all diese vielen Jahre später ist es ähnlich: Auch wir waren zuerst Freunde, sind zusammen getourt und haben viel Lebenszeit zusammen verbracht, bevor wir uns entschlossen haben, Alice In Chains wiederzubeleben. Es war also damals in den 80ern ein organischer Prozess, und es war 2005 und 2006 ein organischer Prozess, der viel Hintergrundgeschichte hatte – wir kennen uns jetzt auch fast schon zehn Jahre. Insofern ist diese zweite Bandinkarnation der ersten nicht unähnlich. Wie Jerry gerade gesagt hat: Die Gründe, aus denen wir Musik machen, sind die gleichen. Jedes Album ist ein Schnappschuss deines Lebens zu einer bestimmten Zeit. Es geht also nicht darum, etwas aus der Vergangenheit zurückzugewinnen. Wenn dieses Album irgendetwas mit der Vergangenheit zu tun hat, dann höchstens, dass man die Vergangenheit ehren und auf ihr aufbauen sollte. Letztlich geht es aber wirklich nur darum, eine neue Tür für die Zukunft aufzustoßen. Das ist das zentrale Thema dieses Albums: Man muss nach vorne schauen im Leben – besonders nach Tragödien, denn jeder erlebt welche. Dieser Band ist eine widerfahren, als sie Layne verloren hat – aber auch jeder andere, der dieses Alice In Chains Album hört, hat bereits Menschen in seinem Leben verloren oder wird sie verlieren. Auch ich habe bereits viele verloren. Es geht darum, wie man damit weiterleben und trotzdem nach vorne blicken kann – nämlich indem man das macht, was man liebt. Es gibt Verluste, aber es gibt auch Gewinne, Mann! Wir haben uns gegenseitig gewonnen. Und das ist eine gute Sache im Angesicht einer furchtbaren Tragödie.
Jerry: Eine andere coole Sache ist, dass es nicht nur uns selbst sehr viel bedeutet, sondern auch vielen Menschen außerhalb der Band – deswegen sind wir hier und reden mit dir, und deswegen spielen wir auch heute Abend einen Gig. Das ist einfach eine tolle Sache, die weiter ein ganz besonderes Eigenleben hat. Diese Schlampe namens Alice hat ein eigenes Leben! Das hat sie wirklich, Mann, die Band hat ein Eigenleben, das als Ganzes wichtiger ist als jedes einzelne Teilchen. Natürlich sind diese Teilchen absolut notwendig, und wir in der Band sind ja auch nicht die Einzigen, die wichtig sind. Es gibt ein Team, das daran arbeitet, dass das hier funktioniert, und dann gibt es ja auch noch die Menschen in der ganzen Welt, die unsere Musik berührt hat. Auch sie sorgen sich um diese Band und haben wahrscheinlich ähnliche Gefühle für sie, wie wir sie haben. Natürlich ist es für uns sehr viel persönlicher, weil wir im inneren Kreis der Band sind. Aber das ist ja auch das Tolle an Musik: Dass du sie für dich selbst persönlich machst, dass sie dir etwas bedeutet.
Hattet ihr keine Bedenken, dass genau diese Leute, denen Alice In Chains so viel bedeutet hat und immer noch bedeutet, ein Problem mit der Wiederbelebung mit einem neuen Sänger haben könnten?
Jerry: Ach, das ist schon okay. Ich meine… bähhh, es ist so verdammt früh, ich bin nicht besonders clever heute morgen.
William: Du kannst die Reaktionen der Leute im Vorfeld einfach nicht abschätzen. Das Einzige, was du kontrollieren kannst, ist, wie du selbst zu der Sache stehst und mit welcher Integrität du sie angehst. Wir alle glauben an die Ehrlichkeit, die wir in die Sache eingebracht haben. Das kann man nicht leugnen, und ich glaube auch, dass die Leute es Alice In Chains deswegen begeistert aufgenommen haben, weil wir von Anfang an ehrlich damit umgegangen sind. Wir sind da rausgegangen und haben ihnen direkt in die Augen geschaut.
Jerry: Und noch mal: Das war kein verdammter großer Plan, wir hatten kein beschissenes Schema oder so. Alles hat ganz bescheiden mit einem Gig angefangen, der dazu geführt hat, dass wir zusammen abgehangen und rumgejammt haben. Das wiederum hat zu ein paar Gigs geführt, die zu einer Tour geführt haben, die zu dem Gedanken geführt hat „fuck, Mann, wir sollten die Musik vor all denen spielen, die uns in der Vergangenheit unterstützt haben!“ – also sind wir durch die verdammte Welt gezogen und haben genau das gemacht: Die Musik gespielt, und das, was wir geschaffen haben, sowie Layne und uns selbst gewürdigt. Ganz viele kleine Schritte ohne Masterplan, der Scheiß ist einfach so passiert. Wir haben also weiter das gemacht, was sich richtig angefühlt hat, und sind jetzt hier gelandet. Ich habe mich auch einen Scheißdreck drum gekümmert, als mir damals meine Eltern und alle, die ich kannte, gesagt haben, ich wäre bescheuert, diesen verdammten Job zu machen und zu versuchen, ein Musiker zu sein. Einfach jeder in meinem verdammten Leben hat mir gesagt ‚du kannst es nicht’ – ich habe darauf nicht gehört. Das, ein bisschen Glück, viel harte Arbeit und ein paar Gleichgesinnte haben dazu geführt, dass ich jetzt hier sitze. All diese tollen Fragen, die man mir stellt – ich höre sie, aber ich höre auch etwas anderes, das mir sehr viel wichtiger ist: den Support. Die Leute verstehen, was abgeht und warum wir es machen. Es gibt immer Signale, die dir sagen, dass du das Richtige tust. Wir haben das für uns getan – wenn es sich auf jemand anderen überträgt, ist das cool, ein Bonus. So lange sich das für uns richtig anfühlt und wir so arbeiten, wie wir es immer getan haben, ist doch alles cool – lach’ verdammt noch mal drüber und nimm’ es einfach nicht so ernst. Mach’ verdammt noch mal großartige Musik, geh’ raus und spiel’ sie anderen Leuten vor. What the fuck!?! Das ist nicht so schwierig! Na Alice In Chains ja, lass es mich so sagen: Das ist ein einfaches Schedule, es aber umzusetzen, ist nicht so einfach – das ist scheiß anstrengend, du musst hart arbeiten und mit dem ganzen Wachstum klarkommen. Und wie du weißt, wie wir wissen und wie jeder weiß, ist Wachstum nicht immer einfach. Manchmal ist das nämlich einfach nur verdammt schmerzvoll (*lacht*).
William: Die meisten Leute durchschauen Lügen irgendwann – viele haben einen Bullshit-Detektor, ein Radar. Und sie erkennen auch, wenn etwas aus den richtigen Gründen geschieht, und unterstützen es dann auch.
Jerry: Viele Leute mögen es herumzunörgeln und Dinge schlecht zu machen, die sie nicht mögen. So sieht es aus: Wenn du es nicht magst, hör’ es dir nicht an. Wenn du es nicht magst, wechsle den Sender. Wenn du es nicht magst, unterstütze es nicht, wähle es nicht mit deinem verdammten Dollar. Es ist eigentlich recht einfach. Es gibt jede Menge Vielfalt im Leben, da draußen gibt es viel guten Scheiß, und du investierst in die Dinge, die dir etwas bedeuten. Wir haben das getan, wir haben in uns selbst investiert – und jedes Mal, wenn ich auf uns setze, zahlt sich das aus. Auch wenn es nicht immer das Ergebnis ist, das ich erwartet habe, und es einem manchmal sogar wie das Ende der Welt vorkommt – etwas Gutes wird irgendwann dabei herauskommen. Eine Sache endet, eine neue beginnt.

Erst mal ‘nen Müsliriegel einwerfen und dann weiter zu Teil zwei

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