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Ghost Brigade, Intronaut, A Storm Of Light: Hamburg, Hafenklang, 10.10.2011

Alle Bilder: © Ben Foitzik. Verwendung jedweder Art nur mit Genehmigung des Fotografen.
(All pictures: © Ben Foitzik. Do not use without permission.)

Live-Bericht: So war’s gewesen!

Hamburger Tristesse: Es gießt, es windet, es ist gar grässlich draußen – der Herbst hat die Hansestadt fest im nasskalten Würgegriff. Könnte ein Abend perfekter sein für einen Gig der finnischen Kings of Trostlosigkeit von Ghost Brigade? Rhetorische Frage, klar. Der äußere Rahmen stimmt also schon mal, und auch im Hafenklang sind die Voraussetzungen für ein intensives Konzert ideal: Etwa 200 Seelen sind bei diesem unwirtlichen Wetter zum kleinen Club direkt am Hafen gepilgert, der schon beim ersten Act brechend voll ist.
Die unter dem seltsamen Begriff Post-Metal (Hinweis: damit sind keine Briefträger gemeint, die in einer Metal-Band spielen) firmierenden Kalifornier Intronaut eröffnen um kurz vor 21 Uhr den düsteren Reigen und semmeln dem Publikum deftige Doomsalven in den Biorhythmus. Nicht ohne Grund steht der stämmige Joe Lester in der Mitte der Bühne – sein Bass ist gefühlt doppelt so laut wie die Gitarren und zieht den Hörer mit seinem jazzigen Touch schnell in den Bann. In den (etwas repetitiven) Rhythmus mischen sich cleane und harsche Vocals des Gesangduos an den beiden Gitarren, wobei das aggressive Fauchen deutlich besser zum dominanten Bassspiel passt als das kraftlose Fistelstimmchen. Insgesamt aber ein gelungener Auftritt, den die wortkargen Amis hier hinlegen.
Apropos wortkarg: Nicht ein Wort geht im Anschluss den Kollegen von A Storm Of Light über die Lippen, deren Bassist ebenfalls mittig auf der Bühne steht und sein Spielgerät anscheinend als Penisverlängerung versteht: Mehrmals stellt er sich direkt an die Bühnenkante und fuchtelt der zurückweichenden ersten Reihe mit seinem Basssteg ohne Rücksicht auf Verluste im Gesicht herum. Ist er böse, dass man nur höflich mitwippt statt so affektiert abzugehen wie er? Doch auch wenn der grimmige Basser etwas zu plakativ auf Rockstar macht – musikalisch sind A Storm Of Light hier richtig und gefallen mit ihren plötzlichen Aggressionsexplosionen, die bestens mit den sanfteren Parts harmonieren. Auch bei ihnen krankt es jedoch am cleanen Gesang von Mastermind Josh Graham, seines Zeichens VJ und Cover-Artist von Neurosis, der im Vergleich zum wütenden Grunzen des Bassers leider abfällt. Wie es sich für die Band eines echten VJs gehört, flackern im Hintergrund düstere Endzeitvisionen über die Leinwand – zusammen mit der akustischen Doomwalze, die den Lebenswillen des Hörers vergewaltig und ihn mit dem Samen der Verzweiflung schwängert, ergibt das ein beeindruckendes audiovisuelles Erlebnis. Auch wenn das Ganze letztlich wie Neurosis für Arme anmutet.
Im Anschluss an die misanthropischen Amis wird es plötzlich noch enger im Saal. Klar, die meisten sind wegen Ghost Brigade hier – nicht so allerdings zwei prächtig biergelaunte Jungs in der zweiten Reihe. „Alter, ich hab’ keine Ahnung, was das für Musik ist. Aber lass ma’ tanzen.“ Setzen, 6! Doch auch zwei Ladies in der ersten Reihe, offensichtlich Fänninnen, verwundern: „Letzte Woche haben wir für die in Finnland noch zehn Euro weniger bezahlt – ganz schön dreist.“ Ach, Ladies – zählt doch mal eins und eins zusammen! Nach dem Intro, einer elektronischen Version von ‚In The Woods’, dem Opener ihres aktuellen Albums, kommen kurz nach 23 Uhr dann endlich die Melo-Death-Brigadiere Ghost Brigade auf die Bühne und beginnen ihr Set, das sich hauptsächlich aus Tracks ihrer jüngeren Alben ISOLATION SONGS und UNTIL FEAR NO LONGER DEFINES US zusammensetzt, mit dem furiosen ‚Clawmaster’. Ist die Stimmung anfangs noch verhalten, spielen sich die Skandinavier mehr und mehr in einen Rausch und verursachen mit frostigen Hymnen wie ‚My Heart Is A Tomb’, ‚Divine Act Of Lunacy’ oder ‚Into The Black Light’, ihrem vielleicht besten Song, Gänsehaut am Fließband. Klar, auch hier kommen so gut wie keine Ansagen von der Band – doch die würden auch nicht zum eisigen Gesamtkunstwerk passen, in dem Sänger Ikonen vollends zu versinken scheint. Auch heute verlässt er beim Instrumental „22:22 – Nihil“ wieder die Bühne, auf der sich seine Musikanten dann in ein wildes Crescendo steigern. Danach noch ‚Architect Of New Beginnings’, ein weiteres Highlight dieses Abends, und ‚Torn’. Und schließlich, vor dem finalen ‚Soulcarvers’, spricht Ikonen tatsächlich das Publikum an: „Das wird unser letzter Song. Sorry, wir müssen schlafen gehen.“ Lustig, diese Finnen – zumal es danach noch drei Zugaben gibt. Lustig und großartig.

(erschienen in METAL HAMMER 12-2011)

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