home | interviews | movies | stories | pictures | contact
Too Cool for Internet Explorer

Comeback Kid, The Ghost Inside, Grave Maker, Social Suicide: Hamburg, Knust, 15.04.2011

Live-Bericht: So war’s gewesen!

Die kanadischen Hardcore-Punk-Jungs Comeback Kid machen ihrem Namen alle Ehre und kehren nur wenige Monate nach der von Parkway Drive angeführten Imperial Never Say Die! Tour nach Hamburg zurück. Diesmal als Headliner der eigenen Through The Noise Gastspielreise und deswegen auch im deutlich kleineren Knust, das allerdings ausverkauft ist.

Die erste Band des Abends ist ein Ärgernis – weil sie gar nicht da ist. Leider fehlen die norwegischen Black-Metal-Rocker Kvelertak beim hanseatischen Tourauftakt, obwohl einige Metal-Connaisseure sicher nur ihretwegen gekommen wären. Allerdings passen sie, um ganz ehrlich zu sein, ohnehin nicht wirklich zum übrigen Line-up. Den Auftakt machen Kvelertaks Landsmänner Social Suicide, deren Auftritt nur ein kleiner Teil der Hartkerngemeinde (darunter allerdings immerhin drei passionierte Kamikaze-Ausdruckstänzer) zu würdigen weiß. Viel verpassen sie nicht, denn den Norwegern merkt man an, dass sie noch Frischlinge sind, die gerade erst ihr Debütalbum “Broken Pilgrims” veröffentlicht haben. Kopf hoch, Pilger, in zwei, drei Jahren wird mehr getanzt.

Deutlich mehr Abrissbirnen-Alarm machen im Anschluss die kanadischen DIY-Hardcore-Holzfäller Grave Maker: Im Prügel-Pit ist wildes Kickbox-Aggro-Dancing angesagt, das einen ersten Vorgeschmack auf die Marschroute des restlichen Abends bietet: ‚Ich bin im Berserker-Modus – ob ihr euch dabei das Kreuz brecht, ist mir egal.’ Einmal mehr muss man die Frage nach dem Sinn von Breakdown-Kung-Fu aufwerfen – andererseits scheint das ja ein essentieller Wesenzug der neuen HC-Szene zu sein. Feine Ironie, dass Grave Maker in ‚Vlad The Impaler’ vom „Spineless coward with no regard to the people you’ve hurt“ singen. Unabhängig davon: gelungener Gig der Grabmacher.

Dann folgt die ultimative Moshpit-Apokalypse, die man gesehen haben muss, um sie glauben zu können: The Ghost Inside aus Los Angeles entfachen im mittlerweile bis in die letzte Ritze gefüllten Saal ein tosendes Inferno, bei dem es keine Rücksicht auf Verluste gibt. Der Mob explodiert zu ‚Provoke’ und ‚The Brave’ von “Fury And The Fallen Ones” und ‚Beetween The Lines’ oder ‚Overlooked’ vom aktuellen “Returners”-Album und mutiert zum Prügelknäuel, wie man es sonst nur aus Comics kennt. Wie am Fließband springen Kids von der Bühne ins Pit, werden manchmal aufgefangen, manchmal indes nicht – und plumpsen dann wie leblose Schweinehälften (gerne auch kopfüber) auf den Boden, um im nächsten Moment vom frenetischen Haufen niedergetrampelt zu werden. Völlig irre, völlig rücksichtslos, völlig “normal”. Klar, man muss ja nicht hingehen, geschweige denn mitmachen – die Folgekosten fürs Gesundheitssystem darf das Kollektiv dann aber trotzdem gerne tragen. Social Suicide eben. Und während sich andere nichts sehnlicher wünschen als Frieden, herrscht in dieser Kultur der hirnlose Moshpit-Krieg, bei dem gerne auch mal die Rollstuhlfahrerin am Rande umgemäht wird. Was steht die da auch rum? Unabhängig davon: The Ghost Inside sind fett.

Kurioserweise herrscht beim vermeintlichen Headliner des Abends zunächst nur mittelprächtige Begeisterung – leckt das Berserker-Kommando noch seine Wunden? Auch Comeback Kid-Fronter Andrew Neufeld ist etwas irritiert, dass beim Auftakt mit ‚All In A Year’ und ‚False Idols Fall’ noch nicht das Blut spritzt, und fordert mehr Hingabe vom Publikum. Dieses nimmt Song für Song Fahrt auf und pulsiert spätestens beim furiosen ‚G.M. Vincent & I’ vom aktuellen Longplayer “Symptoms + Cures” und dem anschließenden “Turn It Around”-Hit ‚Die Tonight’ wieder auf Betriebstemperatur: Fäuste und Leiber prallen aufeinander, Stage-Diver stehen am Bühnenrand Schlange, und die Massenschlägerei nähert sich dem The Ghost Inside-Level. Bezeichnend: Gegen Ende fordert ein Fan in der ersten Reihe lautstark ‚All In A Year’. Darauf Neufeld: „Junge, das haben wir ganz am Anfang gespielt!“ Was letztlich nur die Vermutung befeuert, dass für einige Anwesende die Musik an diesem Abend schlichtweg Nebensache ist. Mit ‚Final Goodbye’ beenden Comeback Kid gegen 22:30 Uhr ohne Zugabe ihr Set. Und die abgekämpften Käppi- und Tunnelohrring-Träger klopfen sich gegenseitig auf die Schultern.

(gekürzte Fassung erschienen in Metal Hammer 05/2011)

Powered by Wordpress, theme by Dimension 2k