AMORPHIS
Auch wenn sich Finnland derzeit mit seiner „Wahre Finnen“-Partei wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert – musikalisch ist stets Verlass auf das kleine Völkchen aus dem Land der tausend Seen, das nun erneut für erstklassigen Metal-Nachschub sorgt: Die Kalevala-Könige Amorphis veröffentlichen ihr zehntes Studioalbum „The Beginning Of Times“
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Beim Einkauf in der wuseligen Shopping-Mall dröhnt Nightwishs „Amaranth“ aus den Boxen; in der Schwimmhalle hallen Amorphis mit „Silver Bride“ von den gekachelten Wänden; im Fitnessstudio stählen langhaarige Wikinger ihre Körper zu „Blooddrunk“ von Children Of Bodom. Willkommen in Finnland – nirgendwo sonst scheint die Metal-Kultur so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass sie sogar das Mainstream-Radio zur Prime Time beherrscht. Nun legen die Melodic-Metal-Könige Amorphis, die sich vor zwei Jahren mit ihrem grandiosen „Skyforger“-Album selbst übertroffen haben, mit ihrem zehnten Opus „The Beginning Of Times“ nach – einem Album, das man nur als „zauberhaft“ beschreiben kann.
Kein Wunder, schließlich haben es die virtuosen Melodie-Meister dem Zauberer Väinämöinen gewidmet, seines Zeichens Obermacker des finnischen Nationalepos Kalevala. „Väinämöinen hat göttliche Kräfte“, versucht sich Amorphis-Sänger Tomi Joutsen an einer Kurzbeschreibung des Kalevala-Hauptdarstellers. „Er ist ein großartiger Sänger, und wenn er singt, zieht er auf magische Weise Menschen und Tiere an und alle hören ihm zu.“ Jedwede Vergleiche zwischen der magischen Kalevala-Sirene und sich selbst wiegelt der sympathische Finne allerdings leicht beschämt ab. „Nein, zwischen ihm und mir sehe ich keine Ähnlichkeiten, aber danke für die Blumen. Väinämöinen ist ein Nationalheld – vielleicht kann man ihn als Finnlands ersten Rockstar bezeichnen. Aber mal im Ernst, es war eine große Herausforderung für uns, ein Album über diesen Typen zu machen, und ich glaube, dass wir einen guten Soundtrack für ihn geschrieben haben.“
Auch wenn Väinämöinen und das Kalevala etwas altertümlich erscheinen mögen, erweist sich „The Beginning Of Times“ nicht als staubig und abgehangen sondern zeigt Amorphis auf dem Zenit ihres Könnens – aufgrund seines etwas progressiveren Ansatzes ist es aber auch einen Hauch schwerer zugänglich als der Vorgänger. „Das heißt aber auch, dass man das Album oft hören kann, ohne dass es langweilig wird“, findet Joutsen. „Wir haben träumerische Melodien und anderes sensibles Zeug drauf, es ist ein perfekter Soundtrack dafür, aus dem Fenster in die Natur zu gucken – tagsüber, abends, wenn es regnet oder die Sonne scheint. ‚The Beginning Of Times’ ist Musik für Menschen, die nicht die ganze Zeit durchs Leben hetzen müssen.“ In diesem Sinne nehme man sich doch ein wenig Zeit für finnisches Nationalgut, von dem sich auch heute noch viel lernen lässt: „Wäinämöinen alt und wahrhaft, lebte nun sein liebes Leben, auf den Fluren von Wäinölä, auf den Flächen Kalewalas, sang dort seine lieben Lieder, sang beständig voller Weisheit [...], sang Geschichten alter Zeiten, sang den Ursprung aller Dinge, was die Kinder nimmer können, nicht ein jeder Held verstehet, jetzt in diesen schlimmen Zeiten, bei dem sinkenden Geschlechte [...]“ Also, liebe Kinder: Lest doch mal wieder was! Und hört mehr Amorphis! Damit das Geschlechte nicht völlig absaufen möge.
(erschienen in Piranha 06/2011)
Amorphis
“The Beginning Of Times”
Nuclear Blast
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