BEATSTEAKS
Beatsteaks-Freunde aller Länder, freuet euch den Hintern nackig: Die Berliner kommen nach fast vier Jahren (!) endlich mit dem Nachfolger von „Limbo Messiah“ um die Ecke.
Und Beatsteaks-Verweigerer aller Länder, nehmet euch in Acht: Nach nur einem Durchgang „Boombox“ werdet auch ihr diese Band (endlich – lange Leitung oder was?) lieben. Es sei denn, grandioser Pop-Rock ist generell nicht so euer Ding.
Hamburg, Dezember 2010: Eisiger Nordwind schneidet ins Gesicht, Nah- und Fernverkehr versinken im Chaos, die Hansestadt bibbert. In der Media-Lounge des Plattenlabels rotieren in einem handelsüblichen CD-Player acht Tracks vom neuen Beatsteaks-Album „Boombox“. Oder Moment, hat hier jemand die falsche Scheibe eingelegt? Dieser Sound hat Grandezza, Tapireier, Internationalität – da kann nie und nimmer eine deutsche Band dahinterstecken! Und doch ist es so. Drum merke, elender Tor: Unterschätze nie, aber wirklich niemals die Beatsteaks!
Dass das Teil so imposant geraten ist, hat seine Gründe: Zum einen herrschte Aufbruchstimmung im Lager der Berliner, die das Spaß-Image nun langsam mal abstreifen wollen. „Wir wollen ja nicht als Berufsjugendliche enden“, erklärt Gitarrist Bernd. „Natürlich haben wir immer noch Spaß an dem, was wir tun, aber man muss ja nicht mehr jeden Tag Klamauk machen. Die Musik haben wir schon immer sehr ernst genommen, ohne uns selber dabei zu
ernst zu nehmen. Wenn jetzt aber einer kommt und sagt ‚ey, Rockstars!’, dann müssten wir halt kräftig lachen, weil wir uns überhaupt nicht so fühlen. Wir sind einfach nur Typen, die Musik machen.“ Doch die bescheidenen Hauptstädter können noch so viel Understatement betreiben – ausverkaufte Touren, eine frenetische Fangemeinde und stetig steigende Chartplatzierungen zeigen, dass die Beatsteaks inzwischen zur vielleicht beliebtesten Pop-Rock-Formation des Landes geworden sind. Und das zu Recht: Dass sie dabei nämlich so natürlich und bodenständig geblieben sind anstatt – wie viele ihrer Kollegen – die Narzissten raushängen zu lassen, macht sie umso sympathischer.
Wenn man also einer Band wünscht, dass sie endlich die Pole Position der Charts knackt, dann dieser. Obwohl sich Sänger Arnim im Gespräch tags drauf ziemlich indifferent bezüglich des Chartpotenzials von „Boombox“ gibt: „Wenn es die Eins werden sollte, freue ich mich für mein Management, meine Plattenfirma und meine Eltern. Mir persönlich ist es aber nicht so wichtig.“ Zumal, wie er frustriert ergänzt, „da bestimmt wieder irgend so ein Grönemeyer dazwischen kommt und dann kein Land in Sicht ist“. Doch keine Sorge: Diesmal setzt Thron-Abonnent Grönemeyer nicht ein paar Wochen vor sondern nach den Beatsteaks mit seinem neuen Album zur Chartblutgrätsche an. Jetzt oder nie also!
Doch zurück zu den Gründen für das Champions-League-Format von „Boombox“, für das auch der Mix von Nick Launay aus L.A. verantwortlich zeichnet, der bereits Hochkaräter wie die Talking Heads, Nick Cave oder die Hives abgemischt hat. Bernd erklärt, warum man diesmal erstmals nicht in Deutschland mixen ließ: „Nick macht das schon seit 30 Jahren und hat ein eigenes Soundbild, das man mit seinem Namen verbindet.“ Ein solches besitzt zwar auch Moses Schneider, der seinerzeit den „Limbo Messiah“ abmischte,
doch „der Typ auf der anderen Seite vom Wasser hat eine andere Sichtweise und mixt das auch anders“. Und nach genau diesem Anderen strebten die fünf Berliner dieses Mal: Es sollte jemand mit internationalem Renommee sein, der nicht gleich ‚ahhh, die Beatsteaks’ sondern eher ‚ähhh, wer sind die Beatsteaks?’ sagt. Die elf Songs auf „Boombox“ belegen: Der Plan ging auf!
L.A.-Flair hin oder her – auch ein Weltklasse-Mixer kann nur aus hochwertigem Rohmaterial Diamanten schleifen, und das hat er zweifelsohne bekommen: So vielseitig und prickelnd klangen die Beatsteaks noch nie – und das, obwohl prickelnde Vielseitigkeit doch ihr Markenzeichen ist. Arnim hat seine eigene Begründung für die Klasse von „Boombox“: „Bei ‚Limbo Messiah’ haben wir ein Brett gefahren, das wie ein langer ‚fuuuuuuck youuuuu!’-Schrei war. Dieses Mal war die Stimmung anders, weniger anti, weniger stressig, irgendwie relaxter. Ich denke, dass wir die beste Musik machen, wenn es uns sehr gut geht.“ Und daraus kann man nur eines schließen: Den Beatsteaks geht es besser denn je. Chapeau, Respekt, Danke!
(erschienen in Piranha 01/2011)
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