JP & CHRISSIE
Als Galionsfigur der Pretenders hatte Chrissie Hynde maßgeblichen Einfluss auf die Punk- und New-Wave-Welle und darf sich somit zu Recht das Etikett „Legende“ anheften. Mit ihrem „Perfect Lover“ JP Jones hat die taffe Frontfrau nun ein mitreißendes Rockballaden-Album eingespielt
7. September 2010: Pretenders-Frontfrau Chrissie Hynde feiert ihren 59. Geburtstag. Gut, feiern ist vielleicht etwas übertrieben: Statt nämlich Geschenke auszupacken, Kuchen zu verdrücken und Ständchen über sich ergehen zu lassen, gibt sie an ihrem vermeintlichen Ehrentag lieber Interviews zu ihrem neuen Werk „Fidelity!“, das sie zusammen mit dem walisischen Singer/Songwriter JP Jones als „JP, Chrissie & The Fairground Boys“ eingespielt hat. Ab einem gewissen Alter ignoriert man anscheinend seine Geburtstage lieber als sie zu zelebrieren. Eine These, die sich sofort bewahrheitet, wenn man als Interviewer die „tolle“ Idee hat, das Gespräch mit einer Glückwünschbekundung zu beginnen und zu fragen, ob sie an diesem Tag nicht eigentlich etwas anderes machen sollte. „Klingt gut“, knurrt Chrissie, „mache ich aber nicht“.
Überhaupt ist Alter im Moment ein schlechtes Thema im Hause Hynde: Schließlich singen JP und Chrissie auf ihrem packenden Rockduett-Album, das die komplette emotionale Bandbreite auslotet und vom bittersüßen Antagonismus der zwei Ausnahmestimmen lebt, von der Geschichte zweier Liebender, deren Liebe keine Chance hat – ihrer eigenen Geschichte. 28 Jahre liegen zwischen ihnen, und das heißt (falls jemand mitgerechnet hat) nicht etwa, dass JP 86 Lenze auf dem Buckel hat: Nein, 31 ist der Bursche jung und lernte gerade Laufen, als Chrissie ihren ersten Ehering überstülpte, wie es im Opener „Perfect Lover“ so schön beschrieben ist. Trotzdem funkte es nicht nur künstlerisch zwischen dem eher unbekannten Waliser und der Rock-Legende, die sich 2008 auf einer Party in London kennen lernten und ihre schnell aufkeimenden Gefühle füreinander nun auf „Fidelity!“ für die Ewigkeit (oder wie lange CDs eben halten) konservierten. „Das Album ist ein Soundtrack dafür, wie wir die Dinge gerne gehabt hätten“, erklärt JP, der ein wenig besser gelaunt ist als seine Co-Musikantin. Warum eine 59-Jährige eigentlich nicht mit einem 31-Jährigen zusammen sein kann, beantwortet diese dann so: „Keine Ahnung, Herr Doktor. JP ist ein junger Mann, der gerne eine Familie haben würde. Und jetzt lass uns doch mal nachrechnen: Ich bin zu alt, um Kinder zu kriegen!“
Ein Themenwechsel scheint angebracht – will aber nicht wirklich gelingen. Selbst bei der Frage, ob sie sich mit „Fidelity!“ vielleicht auch ein bisschen von den Schatten ihrer Überband Pretenders emanzipieren wollte, dreht sich dann letztlich doch wieder alles nur um JP: „Daran habe ich nie gedacht. Ich habe mich in JPs Stimme und sein Songwriting verliebt, und er hat mich mit einer neuen Band zusammengebracht. Im Nachhinein fühlt es sich vielleicht irgendwie befreiend an. Ich dachte ja immer, ich wäre glücklich mit meinem Leben. Bis ich JP getroffen und erkannt habe, wie viel mir gefehlt hat.“ Irgendwie tragisch, und irgendwie schön zugleich: Der Soundtrack einer hoffnungslosen Liebe, von zwei faszinierenden Stimmen in wundervollen Rocksongs zum Leben erweckt. Aber jetzt mal ernsthaft: Alles Gute, Chrissie!
(erschienen in Piranha 11/2010)
JP, CHRISSIE & THE FAIRGROUND BOYS
“Fidelity!”
Edel
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