SERJ TANKIAN
„Ich glaube, ich habe mit ‚Imperfect Harmonies’ meine erste Fusion-Plate gemacht“, sagt Musikmagier Serj Tankian über sein schillerndes zweites Soloalbum. Na das kann ja heiter werden.
Gäbe es eine internationale Rangliste der Marke „Bester Mensch der Welt“ – Serj Tankian wäre dort sicherlich in der Top 10 vertreten. Immer höflich, immer freundlich, immer mit einem spitzbübischen Serj-Grinsen im Gesicht. Muss man beim Interviewtermin auf ihn Warten (und das muss man mit Sicherheit, da er schwadroniert wie ein Wasserbrunnen in der armenischen Oase), dann guckt er einen mit mitleidigen Augen an und sagt „du armer Kerl, du musstest die ganze Zeit hier warten“ und massiert einem (ein wenig zu) zärtlich die Nackenmuskulatur. So ist er zu seinen Ergebenen, der Onkel Serj.
Schade, dass Tankian kein Lehrer geworden ist – mit diesem Klekipetra aus L.A. wäre der Weltfrieden sicher machbar gewesen. Doch er ist nun mal Musiker durch und durch – und hat sich mit seinem neuen Opus „Imperfect Harmonies“ nun endgültig vom Sound seiner Ursprungskapelle System of A Down emanzipiert. „Das soll sich jetzt nicht arrogant anhören, aber ein Rock-Album könnte ich jeden Tag schreiben“, behauptet der Maestro. „Nach so vielen Jahren ist mir das ins Blut übergegangen. Aber das wollte ich nicht – ich wollte einen Sound kreieren, den ich nie zuvor gehört hatte. Etwas Unbekanntes, eine Soundmixtur, bei der ich mir denke ‚verdammte Axt, was ist das?!’, wenn ich sie höre. Ich habe keine Ahnung, wie man das Ergebnis nun kategorisieren soll, aber wie Frank Zappa einst sagte: Über Musik zu reden ist wie zu Architektur zu tanzen – es macht keinen Sinn.“
Dann geben wir uns also völlig sinnbefreit und parlieren munter über Tankians zweites Soloalbum „Imperfect Harmonies“, das im Groben dem Prinzip eines deftigen Schichtsalats folgt: Layer um Layer türmt der Musikus übereinander, so dass man irgendwann fast schon überwältig oder gar überfordert ist von den unendlichen Spielereien, die einem hier in den Ohrkanal tanzen. Um das alles verarbeiten und schätzen zu können, muss man wohl erst einmal verstehen, wie der Musikmagier Tankian arbeitet: „Stell dir vor, du bist jemand, der Essen über alles liebt. Du wachst morgens auf und denkst an ein Gericht, das du noch nie gegessen oder gekocht hast. Genau so ist Musik für mich. Ich wache auf, denke an Musik und bin völlig aufgedreht. Vielleicht mache ich einen Track, packe ihn ins Archiv und finde ihn zwei Jahre später durch Zufall wieder. Ich ändere hier und da ein bisschen, füge vielleicht ein paar Gitarren hinzu und denke plötzlich: Wow, das klingt verdammt schräg – perfekt! So läuft mein Tag ab, das ist es, was ich mache.“ 500 oder 600 dieser Tracks hat Tankian in seinem Archiv schlummern und bastelt sie dann wie ein durchgeknallter Soundalchemist in seiner Audiobrauerei zu einem stimmigen Ganzen zusammen – das paradoxerweise vielleicht auch deswegen so gut harmoniert, weil seine Einzelteile dann eben doch nicht wirklich perfekt zusammenpassen, wie der Titel vermuten lässt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Serj Tankian ist ein menschliches und musikalisches Phänomen in dieser Welt und wird die Angeln der Rockmusik Stück für Stück aus den Fugen heben. „Imperfect Harmonies“ ist da nur der Anfang. „Danke, Bro“, sagt er zum Abschied und strahlt wieder wie ein sediertes Honigkuchenpferd. Serj for president – ganz klar.
(erschienen in unclesally*s 09/2010)
SERJ TANKIAN
“Imperfect Harmonies”
Warner Music
Bereits erhältlich
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