BULLET FOR MY VALENTINE
Willkommen zum hanseatischen Feldstudien-Selbstversuch mit folgender Aufgabenstellung: Wie viele Odeur-Variationen von Schweiß gibt es?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, stellen sich freundlicherweise die walisischen Metal-Hengste Bullet For My Valentine in der ausverkauften Hamburger Markthalle als Schweißdrüsen-Melker zur Verfügung, sorgen vor ihrem Auftritt jedoch erst einmal mit der Wahl ihres Supports für Aufruhr: Es gibt keinen. Gut, wenn 1100 Menschen an einem schwülen Sommerabend in einem stickigen Saal eingepfercht sind, braucht man im Prinzip tatsächlich keine einheizende Vorband, um warm zu werden. Trotzdem: Ein fader Beigeschmack bleibt, zumal die Tickets mit roundabout 30 Euro ja nicht unbedingt preiswert sind. Warum auch immer die angekündigten „Special Guests“ nicht am Start sind – unter diesen Umständen lassen sich Bullet bestimmt nicht lumpen und präsentieren ihrer frenetisch feiernden Fangemeinde sicher ein umfangreiches Set-Potpourri aus ihren drei bisherigen Alben. Genügend Hits haben sie ja. Doch Vorsicht: Man soll den Gig nicht vor dem (frühen) Abend loben.
Ganz klassisch stürmen die vier (ziemlich kurzen) Waliser mit „Your Betrayal“, dem Opener ihres aktuellen Werks „Fever“, den Saal und entfachen von der ersten Minute an Circle-Pit-Alarm. Kein Wunder, schließlich hat das Publikum massig juvenile Energiereserven in petto: Teenager dominieren die Altersstruktur und grölen jeden Chorus voller Inbrunst mit – von „Tears Don’t Fall“ über „Scream Aim Fire“ bis zum aktuellen „Pleasure And Pain“. Bekanntermaßen kein Freund langer Reden, konzentriert sich Sänger Matthew Tuck erfolgreich aufs Wesentliche und trifft sowohl die cleanen als auch die derben Gesangsparts optimal, Grunt-technisch perfekt unterstützt von Basser Jason James. Leadgitarrist Michael Paget begeistert mit schwindelerregenden Soli, das Pit tobt, Zwölfjährige hocken auf stämmigen Schultern und singen jede Textzeile mit, der Schweiß rinnt den Rücken hinab bis ins gelobte Ritzenland – im Prinzip läuft hier (bis auf die bekanntermaßen dumpfe Akustik der Markthalle) alles perfekt. Doch dann, nach nur jämmerlichen 70 Minuten, hat der Spaß mit dem programmatischen „Alone“ urplötzlich ein Ende: Als Hintergrundmusik und Lichter angehen, schüttelt die Gemeinde ungläubig die schweißnassen Köpfe – das soll alles gewesen sein? Ja, das soll alles gewesen sein. Zwar hat man hier ein ordentliches Konzert gesehen, doch ob das einen Satz von 43 Cent pro Minute rechtfertigt… na ja. Immerhin ist die Schweißfrage geklärt: An diesem Abend gab es etwa 1100 Duftvarianten des Rock’n’Roll-Nektars. Quod erat oleandum – was zu riechen war.
(erschienen im Metal Hammer August 2010)
Bullet For My Valentine, 22.06.2010, Hamburg, Markthalle
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