INDICA
Wenn Nightwish-Boss Tuomas Holopainen sagt, dass etwas gut ist, dann ist es gut.
Vorhang auf für Indica, fünf finnische Ladys aus Helsinki, die ihren faszinierenden Pop- und Rock-Sound mit exotischen Instrumenten und mystischen Texten paaren, nach vier muttersprachigen Alben nun endlich – so schön sie auch sein mag – die finnische Enklave verlassen und mit „A Way Away“ ihr internationales Debüt in englischer Zunge präsentieren.
Täyttöluukku ja kosketin (Tür und Schlüssel)
„Finde deinen Weg durchs Labyrinth und entdecke die goldene Tür. Um diese zu öffnen, musst du drei Schlüssel aufspüren.“ Was soll denn das sein? Ein Zitat vom Klappentext von „Esoterik für Anfänger“? Nein, dies ist die Spielanleitung zum offiziellen Indica-Game, das man auf indica-music.com zocken kann: Wahlweise als blonde, brünette oder feuerrote Lady schlängelt man sich hier durch einen virtuellen Irrgarten. Auch Indica-Sängerin Jonsu hat sich schon mal an diesem Spielchen versucht und sieht durchaus Parallelen zur Bandphilosophie: „Unser neues Album dreht sich um Freiheit und darum, dass wir einen Käfig um uns selbst gebaut haben – daher spielen Dinge wie Schlüssel und Türen auch optisch eine wichtige Rolle bei Indica. Das Game passt also hervorragend zu uns und dem Album!“ Und Jonsus persönliche drei Schlüssel zum Glück? „Liebe, Leidenschaft und das im-Moment-Leben.“ Das klingt doch nett. Doch Halt mal: Wer um alles in der Welt sind eigentlich Indica, was können und wollen sie?
Tyttö ja ruoho (Mädchen und Gras)
Fünf Finninnen in einer Band: Es ist wohl rechtens, Indica als finnische Mädchenband zu bezeichnen. Da dieser Terminus jedoch vor allem in Deutschland durch stupide
Casting-Shows und ihre grausigen Ausgeburten arg in Verruf geraten ist, muss man Jonsu, Bassistin Heini, Gitarristin Jenny, Schlagzeugerin Laura und Sirkku am Keyboard doch stark von solchen Plastik-Pop(stars)-Perlen abgrenzen: Die fünf hübschen Damen spielen allesamt seit Kindesalter ein Instrument, komponieren ihre Stücke (natürlich) selbst und schreiben (natürlich) auch ihre eigenen Texte. So wie das jede andere anständige Band auch tun sollte. „Vor zehn Jahren, als wir etwa 13 der 14 waren, erkannten wir, dass etwas in unserem Leben fehlte. Also beschlossen Heini und ich, eine Band zu gründen“, erklärt Jonsu, wie Indica 2001 entstanden sind. Ein Name musste her und kam – klassisch – aus dem Wörterbuch. „Indica klang irgendwie gut. Das Wort kommt von der Farbe Indigo, einem Blauton, und da damals viele unserer Songs langsam und melancholisch waren, passte das perfekt. Außerdem rauchen wir ja auch den ganzen Tag Gras“, fügt die rothaarige Sängerin hinzu und guckt einen mit großen Augen an, bevor sie zu lachen beginnt. Ein Scherz also auf Cannabis indica, den lateinischen Namen des Indischen Hanfs – schelmisch!
Hetäte ja liikuntasauma (Impuls und Expansion)
Indicas neues Werk, „A Way Away“, ist nun in gewissem Sinne ihr Debütalbum, auch wenn es tatsächlich bereits ihr fünftes ist. Paradox? Nun, die sympathischen Ladys haben in ihrer Heimat bereits vier finnischsprachige Alben veröffentlicht, damit einmal Platin und zweimal Gold erreicht sowie diverse Top-Ten-Singles abgeliefert. Doch mit finnischsprachigen Alben
kommt man schlecht über die Ländergrenze Finnlands hinaus (oder können Sie das hier spontan mitsingen: „Kun liian nopea on ihmisen lento, kuin sudenkorento niin hauras ja hento“?), also war es, nachdem man jeden Quadratmeter des Landes betourt hatte, für Indica an der Zeit, einen Richtungswechsel vorzunehmen. Der Anstoß kam ausgerechnet von einem der begnadetsten finnischen Musiker dieser Tage, der nicht von ungefähr selbst ein großer Indica-Fan ist – Nightwish-Boss Tuomas Holopainen. Jonsu erinnert sich: „2007 kam Tuomas zu einer unserer Shows und fragte, ob wir nicht mit Nightwish auf Skandinavien-Tour gehen wollten. Das war natürlich eine einmalige Gelegenheit und große Herausforderung für uns, und ab da war für uns klar, dass wir endlich ein englisches Album machen mussten.“ Mit Holopainen hatten Indica nicht nur einen Mentor, sondern auch einen Freund und Produzenten gefunden: Schon beim letzten finno-ugrischen Album „Valoissa“ und nun auch bei „A Way Away“ war er als Produzent mit an Bord und trug als inoffizielles sechstes Bandmitglied maßgeblich zum orchestralen Feeling der neuen Platte bei. „Indica haben so viele Gesichter – ihr werdet ein Leben lang fasziniert sein“, lobt Holopainen seine Ziehtöchter in höchsten Tönen. Zu Recht?
Mystillinen ja romanttinen (mystisch und romantisch)
Zu Recht, wie „A Way Away“ beweist: Für ihr erstes internationales Album nahmen sich Indica zehn Songs ihrer „finnischen Ära“ noch einmal zur Brust und verpassten ihnen einen frischen Anstrich mit Englisch-Update. Hört sich einfach an, war es aber nicht, stellt Jonsu klar: „Nach vielen Kämpfen, Schreianfällen und Tränen hatten wir irgendwann eine ausgewogene Playlist aus Songs gefunden, die wir noch einmal neu einspielen wollten.
Die zu finden war alles andere als einfach, denn jeder unserer Songs war wie ein Kind für uns, das wir nicht zurücklassen wollten. Als wir die Auswahl dann getroffen hatten, dachte ich, dass es einfach sein würde, dieses Album zu machen, weil das ja fertige Songs mit fertigen Texten waren. Aber weit gefehlt: Es war unheimlich schwierig, weil wir die neuen Versionen viel besser als das Original machen wollten.“ Operation, gelungen, Patient wohlauf: Mit einem Mix aus Gänsehautballaden, Musical-artigen Songs und ohrwurmigen Rock-Nummern laden Indica zu einer faszinierenden Reise ins Klanguniversum des „Mystic Romantic Pop“, wie die finnische Presse seinerzeit über Indicas Stil beschied. Ob diese Klassifizierung Sinn ergibt, sei dahingestellt – dass Jonsus Stimme mitunter an die großartige Kate Bush erinnert, ist indes unbestritten. „Das mit Kate Bush haben wir schon bei unserem ersten Interview gehört, da waren wir 15 oder 16 Jahre alt“, verrät Jonsu und ergänzt etwas geniert: „Ganz ehrlich, ich konnte den Namen damals nicht einordnen. Nach dem Interview habe ich mir in der Bücherei gleich ein paar ihrer Alben ausgeliehen und dachte nur ‚wow, sie ist großartig – was für ein tolles Kompliment im allerersten Interview!’.“
Musiikki ja elämänkohtalo (Musik und Schicksal)
Nun also starten Indica auch außerhalb Finnlands durch und müssen sich wohl damit abfinden, vielerorts wie eine Newcomer-Band oder – noch schlimmer – wie eine Casting-Band behandelt zu werden. Doch damit werden die taffen jungen Damen blendend klarkommen, schließlich haben sie sich mit (straffer) Haut und (buntem) Haar der Band verschrieben. „Wenn du in Indica bist, darf es für dich nichts Wichtigeres geben“, erläutert Band-Mutter Jonsu die oberste Maxime. „Für mich war das eigentlich auch schon immer klar, ich wusste schon als Kind, dass Musik
mein Schicksal ist: Mit vier habe ich Violine gelernt und mit sechs angefangen zu komponieren – Musik war einfach mein Ding, hat mir auch in schwierigen Zeiten beigestanden, war immer mein vertrautester Liebhaber. Musik hat die Kraft, Menschen zu heilen, sie zu befreien und ihnen Hoffnung zu geben – und genau das soll auch die Musik von Indica tun.“ Dank der unglaublichen Vielseitigkeit ihrer Musik stehen die Zeichen gut für eine weit gestreute Verbreitung des Indica-Samens: Es gibt wohl nicht viele Bands, die bei solch unterschiedlichen Festivals wie Rock am Ring, dem Wave Gothic Treffen oder bei einem „Twilight“-Fan-Event spielen können und dafür auch noch stürmischen Beifall ernten. Dass die fünf Mädels zudem eine schöne Natürlichkeit (und praktischerweise eine natürliche Schönheit) besitzen sowie unglaublich herzliche und sympathische Menschen sind, die obendrein auch noch etwas in der Rübe haben, macht Indica zur faszinierenden Ausnahmeerscheinung am (mystischen) Pop-Rock-Himmel. Und die Moral von der Geschicht’? Girlgroup ist gleich Girlgroup nicht!
Loppu (Ende)
(Titelstory Piranha 07/2010)
Turbostaat
“A Way Away”
Nuclear Blast
Bereits erhältlich
Guckst du hier
Keine Kommentare »
Noch keine Kommentare.
Einen Kommentar hinterlassen
You must be logged in to post a comment.