HEAVEN SHALL BURN
Wer in Deutschland auf dem Metal-Thron Platz nehmen will, muss vorher vor allem eine Band aus dem Weg räumen: Heaven Shall Burn. Niemand sonst ist so aggressiv, niemand so versiert, niemand so glaubwürdig, niemand so anspruchsvoll. Heaven Shall Burn sind hierzulande unbezwungen – das muss einfach mal in dieser Deutlichkeit gesagt werden
Passend zum Thema „Unbesiegbarkeit“ veröffentlichen die thüringischen Brachialgeschosse nun den dritten Teil ihrer „Iconoclast“-Trilogie, der den Namen „Invictus“ – „unbezwungen“ bzw. „Der Unbezwungene“ – trägt. „Das ist einfach ein starkes Wort, das zu unserer Attitüde passt. So was wie: Wir wurden noch nie bezwungen und werden auch nie bezwungen werden – das passt ja auch zu den Ikonoklasten und dem Bilderstürmergedanken. Wir wollen diese Einstellung aber auch nach außen tragen, anderen Mut machen und Kraft geben“, erklärt Gitarrist Maik Weichert. Das ist nicht arrogant gemeint, das soll nicht hochtrabend klingen, das ist einfach so: Heaven Shall Burn gehen weiter unbeirrt ihren Weg und lassen sich nicht verbiegen.
Diese über die Jahre erworbene Selbstsicherheit macht sich beim kolossalen „Invictus“ auch stilistisch bemerkbar: Im donnernden „Combat“, das inhaltlich das Thema Kindersoldaten aufgreift, zermalmen Heaven Shall Burn die Trommelfelle des Hörers beispielsweise mit markerschütternder Brutalität, die sich schließlich in ein elektronisches, Black-Metal-artiges Soundinferno steigert. Diente da eine Nachtwanderung im Thüringer Wald als stilistische Inspiration? „ Du glaubst gar nicht, wie viel Black-Metal-Musiker nachts im Thüringer Wald umherstreifen!“, bestätigt Weichert augenzwinkernd. „Nein, Black Metal haben wir ja auch früher verheizt. Was hier neu ist, ist diese elektronische Verbindung mit Black Metal und die Konsequenz, mit der wir das durchziehen. Es soll ja auch immer ein Schritt vorwärts sein – wir wollen uns weiterentwickeln, aber in homöopathischen Dosen. Es muss ja auch nachvollziehbar sein, sonst ist es nicht ehrlich.“ Und der Terminus „nicht ehrlich“ passt zu so ziemlich allem – aber nicht zu Heaven Shall Burn.
Ein weiteres Novum im HSB-Klanguniversum: Das morbide Duett „Given In Death“, das das Thema Euthanasie behandelt und mit der Stimme von Deadlock-Sängerin Sabine Weniger überrascht. „ Nachdem Whitney Houston kurzfristig abgesagt hat, war es für uns eine logische Sache, mal kurz bei unseren Kumpels von Deadlock anzufragen“, erklärt Weichert. Heaven Shall Burn mit weiblichem Gastgesang – sind die jetzt total deppert? Keine Sorge, das ist nur einer von vielen unterschiedlichen klanglichen Farbtupfern (das nennt sich wohl Synästhesie), die „Invictus“ zum Besten machen, was die fünf thüringischen Berserker je veröffentlicht haben. Und wenn man jetzt noch Platz hätte, könnte man vom inhaltlichen Anspruch erzählen, der dieses Album umweht, von fast vergessenen Helden wie Liebknecht und Luxemburg, Lev Kopelev oder Max Hermann-Neiße, denen hier ein Denkmal gesetzt wird. Aber man hat keinen Platz mehr und ohnehin ist alles gesagt: Mit „Invictus“ untermauern Heaven Shall Burn ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit.
(erschienen in Piranha 06/2010)
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