TURBOSTAAT
Mit ‘Vormann Leiss‘ stachen Turbostaat 2007 in raue See, nordwärts. Nach drei stürmischen Jahren sieht die Punkrock-Fregatte nun Land am Horizont und fährt im eisigen Nordatlantik ‘Das Island Manøver‘.
Es gilt zu beweisen, dass nichts faul ist im Turbostaate und die Bandphilosophie nicht korrumpiert wurde. Bullshit! Turbostaat gehören zu den wenigen Kapellen dieser Welt, die überhaupt nichts beweisen müssen. Im Gegenteil: Vielleicht sollte die Welt endlich mal Turbostaat etwas beweisen.
Turbo-Staatsbankrott in Island
Island ist am Arsch, big time: Da ein paar findige Banker das Kapital ausländischer Anleger verzockt haben, will und muss die isländische Regierung diesen nun Milliardenentschädigungen zahlen. Ergebnis: 11.000 Euro Schulden – pro Kopf. Klar, dass die rund 320.000 Isländer gereizt reagieren: In den Kneipen hängen Bilder der verantwortlichen Kamikaze-Banker über den Pissrinnen, Bankier-Paläste werden mit Farbe und Salzsäure besprüht, jüngst lehnte ein Volksreferendum die Entschädigungszahlungen ab und trieb das Land noch tiefer in die diplomatische Eiszeit. Nur eines kann dieses krisengeschüttelte Eiland noch retten: ‘Das Island Manøver‘! Gut, dass sich der friesische Turbostaat dieser Misere angenommen und ein Album gleichen Namens eingespielt hat. Schlecht, dass die Platte rein gar nichts mit Island zu tun hat. Aber eins nach dem anderen.
Turbostaat in der Brandung
Turbostaat sind eine einzige Enttäuschung: Trotz der Verlegung ihres ‘Vormann Leiss’ ins gemütliche Trockendock der Plattenindustrie besaß die Band doch tatsächlich die Chuzpe, sich weder künstlerisch noch ideologisch beeinflussen zu lassen. Die fünf Friesen spielten immer noch in ranzigen Schuppen vor ein paar hundert Seelen, verkauften T-Shirts für zehn Mark und konsumierten Jägermeister nur abseits der Rock:Liga. Vereinzelt skandierten dennoch ein paar Haubentaucherwelpen den obligatorischen „Verrat!“ – aber auch das nur pro forma, weil man das eben so macht, wenn eine Szene-Band einen Schritt nach vorne geht.
Und siehe da: Auch auf dem neuen Album vermeiden es die fünf kernigen Kerle erfolgreich, so richtig poppig und anbiedernd zu sein, weshalb sie weder Armeverschränker noch Szenepolizisten so richtig kacke finden können, im Gegenteil: Mit ‘Das Island Manøver’ folgen Marten, Tobert, Jan, Rotze und Peter weiter konsequent und unbeirrt dem Dekret des Turbostaats: einfach machen, auf Gelaber scheißen.
Das überzogene Brimborium, die ganzen doofen Fragen um Szene, Neider, Einfluss oder Credibility verstehen die Nordlichter ohnehin nicht. „Wir gehen ja nicht in den Club und sagen: ‘Guten Tag, Sie haben es hier mit einer Band mit dicken Hosen zu tun’, sondern man sagt: ‘Hallo, wir sind‘s, die Idioten‘, stöpselt ein und spielt seine Lieder“, erklärt Gitarrist und Texter Marten. Nur um klarzustellen, dass sich das Selbstverständnis der Band nicht geändert hat. Genau so sicher, wie nach der Ebbe die Flut kommt, kann man in Stein meißeln, dass Turbostaat immer Turbostaat bleiben werden. Bevor überhaupt irgendetwas geschieht, wird in dieser Band nämlich erst mal Folgendes gemacht: geredet. Dann vielleicht noch ein wenig erörtert, etwas diskutiert, ein bisschen argumentiert. Und wenn am Ende des kollektiven Diskurses alles (oder auch gar nichts mehr) klar ist, dann wird gemuckt. Genau so trug es sich auch zu bei Album Nummer Vier, das am Ende der Welt zusammengebaut wurde, einem völlig unbekannten kreativen Schaffensprozess entsprang und trotzdem zu 117% Turbostaat ist. Mindestens.
Turbostaat in der Einöde
Schon die ganz großen Dichter und Denker der Weltgeschichte wussten, dass es sich in isolierter Abgeschiedenheit und fernab der Außenwelt ganz groß dichten und denken lässt. Und da diese beiden Tätigkeiten essentielle Ingredienzien für ein Turbostaat-Album sind, zog sich der komplette Hofstab für die Genesis von ‘Das Island Manøver‘ in ein Häuschen in der friesischen Einöde zurück: In Fresendelf, am Arsch der Welt, wo es wild und rau ist, der harsche Nordwind peitscht und man für eine Kiste Bier eine Dreiviertelstunde mit dem Auto über Buckelpisten juckeln muss. Dort baldowerte der basisdemokratisch geführte Staat die neue Platte von vorn bis hinten aus, was ein Novum in der zehnjährigen Bandhistorie darstellt, denn: Zum ersten Mal entstand ein komplettes Turbostaat-Album in einer zusammenhängenden Session.
„Wir haben gemerkt, dass dieses alte Verfahren, dass wir proben und neue Lieder machen, diesmal nicht funktioniert“, erklärt Bassist und Bartträger Tobert die Hintergründe für die selbstauferlegte Isolationshaft. „Wir hatten also nichts, waren wie ein leerer Globus und es hat hammerlange gedauert, bis wir miteinander gespielt haben und die Maschine wieder in Gang kam.“ Doch dann, nach diversen dreiviertelstündigen Autofahrten, völlig überwürzten Zimt-Gerichten und ein paar Partien Wii-Tennis, begann schließlich das waghalsige Manöver, an dessen Ende zwölf astreine Turbostaat-Nummern standen, von denen eine geiler ist als die andere. Und jetzt kommt das Magische: Jeder Sekunde des Albums hört man an, in welchem Rahmen es entstanden ist. Bei jedem Song sieht man das Friesenhaus in Fresendelf vor dem geistigen Auge, in jeder Note hört man den garstigen Wind heulen, jeder Songtitel lässt auf eine in 45 Minuten geholte und anschließend geleerte Bierkiste schließen.
Tobert wird immer noch ganz warm ums Herz, wenn er ans herrliche Fresendelf denkt: „Wir sind in unsere Heimat gefahren, haben uns in dieses Haus gesetzt, unsere Instrumente waren im Wohnzimmer, zwischen den Schränken. Das war gemütlich, vertraut, isoliert. Ich bin ja ein ziemlich hibbeliger Typ und sehr unkonzentriert, meine Birne ist immer irgendwo. Aber als wir dorthin gefahren sind, hatte ich das Gefühl, dass ich mich nicht mal konzentrieren muss, sondern ich war einfach nur zu 100% wach und fühlte mich wie zu Hause angekommen – in dieser gemütlichen Mummeligkeit.“ Und wie wir ja alle wissen: Mummeligkeit klingt nicht nur gut, sie ist es auch!
Turbostaat im Maisfeld
Dass Turbostaat-Songtitel nahezu dadaistische Qualitäten besitzen, ist weithin bekannt. Ob ‘Die Stulle Nach Dem Schiß’, ’18:09 Uhr Mist Verlaufen’, ‘Schalenka Hase’ oder ‘Ja, Roducheln’ – wer will, kann sich in wilden Interpretationen ergießen; wer daran scheitert, kann sie auch einfach nur kultig finden.
Genauso wie ‘Das Island Manøver‘ nichts mit Island zu tun hat, beziehen sich auch die neuen Songtitel eher selten auf das eigentliche Lied. Ein Beispiel: ‘Fraukes Ende‘, dessen Entstehungsprozess Marten kurz skizziert: „Wir haben den Song aufgenommen, und unser Mischer Hauke sagte: ‘Das Ende war super’! Daraufhin sagte unser Produzent Moses Schneider: ‘Dann werde ich das ‘Haukes Ende’ nennen’. Ich habe nur ‘Fraukes Ende’ verstanden und dann hieß eben das Lied auch so. Das ist wirklich einfach dumm.“ Doch im Dummen liegt manchmal die Kraft, und so tragen die mitunter kryptischen Songtitel nicht selten dazu bei, dass die eigentliche Essenz eines Stückes umso besser transportiert wird. Im Falle von ‘Fraukes Ende‘ erzählen Turbostaat die Geschichte eines außerehelich geschwängerten Mädchens, das nach altem nordfriesischem Brauch vom eigenen Vater ins Watt gebracht wird, um dort über die unehrenhafte Missetat nachzudenken – und nicht mehr zurückzukommen. Das klingt nicht nur traurig, das ist es auch.
Überhaupt regiert diesmal viel Tristesse in Martens einzigartigen Texten, die von Einsamkeit, Entfremdung und Verzweiflung künden und lyrisch wie immer ganz weit vorne sind. Ein Wort passt Marten jedoch nicht so gut in den Kram: „Wir sind nicht kryptisch! Was liest du denn für Bücher? Liest du Bücher, die ‘Einsamkeit’ oder ‘Irre Verzweiflung’ heißen? Nein, du liest Bücher, die ‘Fraukes Ende’ heißen – ein wunderbarer Buchtitel, oder was?! Was wären das alles für Bücher geworden!“ Im Falle von ‘Fraukes Ende‘ mag diese Aussage zutreffend sein, bei Titeln wie ‘Strandgut‘ (Rosamunde-Pilcher-Romanze?), ‘Fünfwürstchengriff‘ (Karate-Buch?) oder ‘Urlaub Auf Fuhferden‘ (Pferde-Roman?) möchte man höflich widersprechen und behaupten: Nein, solche Bücher würden wir nicht lesen! Es sei denn, man zieht sich vorher den Klappentext rein und erfährt, dass ‘Urlaub In Fuhferden‘ von einer frustrierten Omi handelt, die eine Freundin damit beauftragt, sie im Maisfeld zu erwürgen. „Wir haben diese Geschichte gehört und fanden daran interessant, wie man sich diesen brutalen Prozess des Erwürgtwerdens vorzustellen hat“, erinnert sich Tobert. „Für die Omi muss es unbedingt der Tod ausgerechnet beim Frühlingserwachen im Maisfeld sein – das ist so eine verkehrte romantische Sicht. Da liegst du dann tot im Frühling rum und das ist dann geil oder was?“ Tot im Maisfeld rumliegen klingt aber auch wirklich ätzend. Dann doch lieber ins Watt gehen.
Turbostaat in der großen Stadt
Auch Marten ist ein großer Fan von Fresendelf. „Turbostaat ist Fresendelf! Turbostaat funktioniert nicht wie andere Bands, die alle nach Berlin ziehen und dort ihre City-Platte aufnehmen.“
Und das ist auch gut so. Trotzdem haben die gebürtigen Husumer, von denen es nur Wahlhamburger Tobert weiter als bis Flensburg geschafft hat, der Hauptstadt einen Besuch abgestattet: Nicht aus Vergnügen etwa, sondern um das in Fresendelf Ausbaldowerte im Studio von Moses Schneider auf Platte zu bannen. Was für ein Kontrast: Von der 100-Einwohner-Gemeinde (inklusive Turbostaat!) an der Treene, wo die Kühe im Wind scheißen, zur Millionen-Metropole an der Spree, wo der Bär schwoft – darauf muss man erst mal klarkommen! Doch dieser Kontrast gehört zum Konzept: „Dieser Gegensatz aus Einöde und Großstadt war mir total wichtig“, sagt Tobert. Zumal das Berliner Tohuwabohu die Atmosphäre vom ‘Island Manøver‘ ohnehin nicht beeinflusst hat. Auch wenn sich das immer ziemlich cool anhört, eine Platte in Berlin aufzunehmen, ist die Realität oft wesentlich unspektakulärer: Nach einem kompletten Tag im Studio geht man meistens nicht mehr auf Streife, sondern rollt sich nachts völlig ausgemergelt in die Schlafkojen. Im Prinzip könnte man das auch in Fresendelf machen – nur ist in Berlin die ‘Biersituation‘ einfach wesentlich entspannter. Und außerdem steht in Friesland (noch?) kein Studio von Moses Schneider.
Einmal Schneider, immer Schneider, hat es den Anschein – nicht nur Tocotronic und die Beatsteaks schwören auf den Berliner Erfolgsproduzenten, auch im Turbostaat scheint der Mann inzwischen gesetzt. Und dass diese Wahl wie schon bei ‘Vormann Leiss‘ ein absoluter Volltreffer war, belegt das, was man auf der neuen Platte zu hören bekommt. Um die Stärke der Band – ihre Live-Macht – voll auszuspielen, stellte Schneider ein Kunstkopfmikro, das quasi ein menschliches Gehör imitieren sollte, zwischen den Turbostaatlern auf und gab eine einfache Maxime aus: Die Songs sollten „live“ eingespielt anstatt später künstlich verknotet werden. „Zuerst hatten wir da wirklich Muffensausen“, gesteht Marten und hat damit neben „Mummeligkeit“ gleich einen zweiten Songtitel fürs Folgealbum parat. „Live sind wir ja sehr laut und die Leute sind betrunken, das ist nicht wie eine Platte einzuspielen. Wir dachten einfach, wir könnten nicht so gut spielen, dass wir in der Lage sind, eine ‘Live-Platte’ zu machen.“
Doch siehe und höre da: Durch die unzähligen Live-Gigs nach ‘Vormann Leiss‘ sind Turbostaat inzwischen zu verdammt guten Musikern gereift, die solch eine Herausforderung erst annehmen und dann auch noch souverän nach Hause schaukeln. Und genau deswegen klingt ‘Das Island Manøver‘ auch so verdammt authentisch. Danke Moses, danke Kunstkopf, danke Berlin!
Turbostaat im MRT
Durch die aufbrausende Brandung überholten Szenedenkens haben Turbostaat ihren Kutter zu einem weiteren glänzenden Manöver geführt, das im friesischen Bunker ausgeheckt und im hektischen Berlin in die Tat umgesetzt wurde. Auch im zehnten Jahr ihrer Bandgeschichte haben sich die fünf Husumer Gewächse ihre friesisch-herbe Eigenheit bewahrt und machen weiterhin keine Zugeständnisse: Wenn sie irgendwo nicht auftreten wollen, treten sie dort nicht auf. Wenn sie eine Frage nicht beantworten können oder wollen, dann lassen sie es eben. Was Turbostaat nicht wollen, machen Turbostaat nicht. Ganz offen, ganz ehrlich. Und man nimmt es ihnen nicht übel, nein, man bewundert sie für diese Konsequenz. Geschmack braucht Charakter. Keine Kompromisse. Und wenn man 45 Minuten fahren muss, dann fährt man eben so lange.
(Titelstory unclesally*s 04/2010)
Turbostaat
“Das Island Manöver”
Warner
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