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FILMKRITIK# Antichrist

Bloged in Movies,Primi - Film von admin Mittwoch Mai 19, 2010
Antichrist

ANTICHRIST

Lars von Trier macht das, was man von ihm erwartet: schockieren. In seinem morbiden Psycho-Schocker brillieren Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg als gestörtes Hexenweib

Damdam, da-damdam: Während die düstere Arie „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“ aus Händels Oper „Rinaldo“ erklingt, liebt sich in edlen Schwarz-Weiß-Bildern ein Paar ekstatisch unter der Dusche. Wassertropfen fallen in Zeitlupe, primäre Geschlechtsteile gleiten (explizit pornografisch) ineinander, im Nebenzimmer weht der eisige Winterwind ein Fenster auf. In Parallelmontage sieht man nebenan ein kleines Kind aus seinem Bett hüpfen. Es klettert auf einen Stuhl, erklimmt das Sims des offenen Fensters und tut es den zu Boden fallenden Schneeflocken gleich. Zwei Stockwerke lang tanzen Kind und Teddy mit dem weißen Geriesel in der Luft, dann kommt der Bordstein.
Aus orgastischen Höhen direkt ins tiefe Tal des Schmerzes: Der Prolog von Lars von Triers Skandalfilm „Antichrist“ gehört zum beeindruckendsten, was man im Kino der jüngeren Jahre zu sehen bekam. Was folgt, ist nicht minder beeindruckend, aber deutlich schockierender: Der Mann (Willem Dafoe), ein Psychologe, macht nach dem tragischen Tod des Kindes das, was er gelernt hat: analysieren. Mit kühler Rationalität will er seine Frau (Charlotte Gainsbourg) aus ihrer schweren Depression helfen. Als er nicht mehr weiter weiß, soll Schocktherapie helfen: Sie begeben sich in ihr einsames Waldhaus, wo sich die Frau ihren tiefsten Ängsten, verkörpert durch die Natur, stellen soll. Doch die Wald- und Wiesentherapie entwickelt sich nicht so, wie er sich das vorgestellt hat: Schon bald erfährt er Erschreckendes über seine Frau, deren Selbsthass sich schließlich direkt gegen ihren Mann (konkreter: gegen seinen verfluchten Penis) richtet. Und so kommt es, dass er irgendwann im Schoß von Mutter Natur mit einem Mühlstein am Bein und von Todesangst erfüllt in einem Fuchsbau liegt.
„Ach Lars, was ist denn nur los?“, möchte man den Regisseur nach dem ersten Schock fragen und ihn betroffen in die Arme schließen. Mehr als über Schuld, Schmerz und „das böse Weib“ scheint „Antichrist“ schließlich ein Film über von Trier selbst zu sein, und das lässt tief blicken. Deuten kann man seine Bild gewordenen Gewalt- und Sexexzesse auf vielerlei Weisen, sich entweder ihrer perversen Faszination hingeben oder mit Ekel abwenden (wie einige Zuschauer bei der Premiere in Cannes). Cineastisch macht ihm indes niemand etwas vor: Mit schauerlicher Optik, deren kühle, früh-lyncheske Ästhetik ein permanentes Gefühl imminenter Panik auslöst, spielt er mit den Urängsten des Zuschauers und fordert in einigen Szenen pornografische Toleranz ein. Wer sich zutraut, das auszuhalten, wird mit einem vielschichtigen Meisterwerk belohnt. Und wer mehr wissen will, sollte zur Special Edition greifen, die aufschlussreiche Interviews mit den Akteuren bereithält.

Ergo: Dass man von Trier für „Antichrist“ sicherheitshalber einweisen sollte, ist eine Sache – dass er damit einen Meilenstein des Schocker-Kinos gesetzt hat, eine andere. Ein großartiger Film für Cineasten mit Mut und robusten Mägen.

(erschienen in BIG PICTURE Magazin 03/2010)


BEWERTUNG

Antichrist
OT: Antichrist, D/DK 2009Regie: Lars von Trier D: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe FSK: 18 Jahre L: ca. 104 Minuten Bild: 16:9 (2,35:1) Ton: DD 5.1 (Deu, Eng) UT: Deu Extras: Trailer, Audiokommentar A: Ascot Elite Bereits erhältlich Zum Beispiel hier



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