CALLEJON
Das ging ja fix: Gerade mal anderthalb Jahre nach ihrem Zombie-Konzeptalbum meldet sich Deutschlands hoffnungsvollste Nachwuchs-Metal-Band mit „Videodrom“ an der Front zurück. In dieser kurzen Zeit ist einiges passiert: Callejon sind um einiges reifer, ernsthafter und schlicht und ergreifend besser geworden.
Wie war das bitte? Deutschlands hoffnungsvollste Nachwuchs-Metal-Band?! In der Metal-Szene wird man für solche Aussagen vermutlich geächtet: „Callejon? Wie kann man die als wahrer Metal-Head gut finden?“, tönt dort die Szenepolizei. Gegenfrage: Wie kann man die nicht gut finden? Auf ihrem dritten Album, dem zweiten für die Metal-Schmiede Nuclear Blast, haben die vier Ruhrpottler, die derzeit ohne offiziellen Trommler dastehen, schließlich in allen Belangen zugelegt: Die Songs sind noch besser arrangiert, technisch noch besser eingespielt und bei aller Härte noch eingängiger in ihren Melodien. Auch Gitarrist Bernhard sieht einen Fortschritt: „Das ist das ernsteste und reifste, aber auch das schnörkelloseste und absoluteste Album, das wir veröffentlicht haben. Diese Ernsthaftigkeit, die in den Songs durchscheint, ist sicherlich auf die Erfahrungen zurückzuführen, die wir in der Zeit seit ‚Zombieactionhauptquartier’ gesammelt haben – als Menschen und als Band.“ Und das waren anscheinend eine ganze Menge: Auch wenn es für Callejon nämlich steil bergauf ging seit dem neuen Plattendeal, mussten sie doch erkennen, dass Musikmachen auf diesem Level kein Pappenstiel ist. Wenn man wegen seiner Band keine Zeit hat, seinen Job zu machen, Geld zu verdienen, sein Studium zu verfolgen, seine Freundin und Familie zu sehen, und dann am Ende des Monats jeden Groschen für die nächste Miete zusammenkratzen muss, kann das schon mal frustrierend sein. Doch von Verbitterung will Bernhard nichts wissen: „ Nur wer wieder aufsteht, wenn er sich das Knie aufgeschürft hat, kann irgendwann ohne Stützräder fahren.“ So ist’s recht, das ist der Spirit! Und letzten Endes haben Callejon ja immer noch die Musik und deren Texte, in der sie ihre Ängste und Frustrationen entladen können. Hier kommt ein weiterer großer Pluspunkt dieser außergewöhnlichen Band ins Spiel: Ihre Lyrics sind einfach verdammt gut. Auf „Videodrom“ widmen sie sich nicht mehr der Zombie-Thematik, diesem „Paradoxon aus Leben und Tod“, sondern machen zum einen eine selbstkritische Bestandsaufnahme ihres eigenen Lebens und sprechen zum anderen die Themen an, die junge Menschen von heute bewegen – oder zumindest bewegen sollten. „Youporn, DSDS und Fußball-WM können nicht die einzigen Antworten sein, die wir auf eine Welt haben, in der täglich Menschen in bewaffneten Konflikten, an Hunger oder Aids sterben, in der sich Regierungen von profitgierigen Konzernen bevormunden lassen und in der selbst in angeblich emanzipierten Industrienationen immer noch Menschen aufgrund von Rasse, Geschlecht oder sozialer Herkunft benachteiligt werden“, erklärt Bernhard und fordert einen neuen kritischen Diskurs in der breiten Jugendkultur. Allein wegen solcher Statements wünscht man sich doch, dass Callejon mit „Videodrom“ eine möglichst breite Hörerschaft ansprechen können. Und wenn die Metal-Szene darauf nicht klarkommt, dann soll sie doch weiter rumnörgeln und Bier trinken.
(erschienen in Piranha 04/2010)
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