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FILMKRITIK# Public Enemies

Bloged in Movies von admin Samstag Dezember 12, 2009
Public Enemies

PUBLIC ENEMIES

„Heat“-Regisseur Michael Mann setzt der amerikanischen Gangster-Ikone John Dillinger ein kühles HD-Video-Denkmal, in dem Johnny Depp zwar groß aufspielt, gegen das träge Drehbuch letztlich aber machtlos ist

Amerika zur Zeit der Großen Depression: Arbeitslosigkeit, Deflation, Wirtschaftskrise. Schuld ist – ähnlich wie beim Börsencrash 2008 – das Finanzsystem, sprich: die Banken. Kein Wunder, dass die amerikanische Bevölkerung einen Bankräuber verehrt, der nach gängigen Maßstäben ein gemeiner Verbrecher ist: John Dillinger. Zusammen mit seiner Bande raubt dieser Anfang der 1930er Jahre mehrere Banken aus, wird zweimal gefasst und eingebuchtet, kann aber jedes Mal wieder ausbüchsen. Auch wenn er durch seine Fluchtaktionen den Tod mehrerer Polizisten verschuldet, verehren ihn doch viele als „modernen Robin Hood“ – selbst wenn er den Großteil seiner Beute selbst verprasst. Je mehr Banken Dillinger abzieht, desto mehr wird er jedoch der Division of Investigation, dem Vorläufer des FBI, ein Dorn im Auge. Diese setzt ein Rekord-Kopfgeld von 25.000 Dollars auf ihn aus – Dillinger wird zum „Staatsfeind Nummer 1“ erkoren und liefert sich bis zu seiner Erschießung auf offener Straße eine erbitterte Jagd mit den Behörden.

Legendäre Gangster, starke Emotionen, tragische Abgänge: Das ist der Stoff, aus dem großes Kino gemacht wird! Wenn dann auch noch Mimen wie Johnny Depp und Christian Bale mit an Bord sind und mit Michael Mann zudem ein Meister des Regiefachs („Heat“, „Collateral“) das Zepter schwingt, sollte das Prädikat „Meisterwerk“ Ehrensache sein – oder?
Die Realität sieht wie so oft anders aus als die Theorie: „Public Enemies“ ist eine solide gestrickte, hervorragend ausgestattete, aber aufgrund seiner 140 Minuten Laufzeit auch quälend langatmige Helden-Mythos-Verfilmung, die einzig und allein von der starken Performance des frisch gekürten „Sexiest Man Alive“, Herrn Depp, getragen wird. Mit kühler Souveränität spielt dieser den unwiderstehlichen Räuberhauptmann Dillinger, der seinen völlig ausdruckslosen Gegenspieler (Christian Bale als Agent Melvin Purvis) an der Nase herumführt, der Garderobiere Billie Frechette (Marion Cotillard) den Kopf verdreht und nebenbei mit seiner Gang wie am Fließband Banken plündert. Purvis ist ihm auf den Fersen, Maschinenpistolen knattern, Dillinger wird eingelocht, lächelt in die Kamera, büchst aus, Machinenpistolen knattern, Purvis spürt ihn wieder auf und so weiter und so fort – Manns Blockbuster-Biopic ermüdet durch immergleiche Schemata und entbehrt wirklichen Tiefgang.
Und nicht nur diesen – auch mit Realismus ist es nicht weit her in „Public Enemies“: Während Dillinger auf einer (zugegeben ziemlich coolen) alten Karre mit einer Geisel Reißaus nimmt, lässt er seine erstaunlich rückstoßarme MP direkt neben deren Kopf rattern, ohne dass diese auch nur im Geringsten davon beeindruckt wäre. Wie so etwas im wahren Leben aussähe, zeigt ausgerechnet der namens- und auch themenverwandte „Public Enemy No. 1“ über die französische Bankräuberikone Jacques Mesrine: Als dort Vincent Cassel direkt neben dem Kopf eines Kumpanen sein Schießeisen abfeuert, hört dieser erst mal minutenlang die Glocken von Santa Fe läuten.

Überhaupt erkennt man an diesen beiden Hochglanz-Thrillern wunderschön den Unterschied zwischen künstlich aufgeblasenem Hollywood-Getöse und wahrer Filmkunst: Auch Mesrine macht kaum mehr als Banken ausrauben, sich verstecken, in den Knast wandern und wieder ausbrechen, doch durch die brillante Inszenierung kommt nicht in einer der fast 240 Minuten des Double-Features von „Public Enemy No. 1“ Langeweile auf.
Manns Ode auf Amerikas Bankraub-Ikone hingegen zieht sich zäh wie eine Geiselnahme dahin und kann auch optisch nicht sonderlich begeistern – was daran liegt, dass er ausschließlich in High Definition Video drehte und dem hochstilisierten Gangsterepos so die diesem Genre eigene Brillanz und Tiefe entzog. Auch wenn der Film zur tristen Zeit der Großen Depression spielt, schlägt sein Versuch, mit dieser kühlen Technik eine neue Gangsterfilm-Ästhetik zu etablieren, leider fehl. Gerade beim nicht-amerikanischen Publikum, dem die Lebensgeschichte des „Nationalhelden“ John Dillingers nicht so geläufig ist, dürfte die dadurch erzeugte Distanz kontraproduktiv sein.
Wer sich davon nicht abschrecken lässt und das vermeintliche Traumduo Depp/Bale trotzdem ins Heimkino holen will, sollte zur 2-Disc-Special-Edition greifen, die jede Menge spannende Featurettes zum Film und zur historischen Figur enthält.

Ergo: Ein ambitioniertes Gangsterepos mit Starpower, das leider schnell ermüdet und optisch wie inhaltlich nicht genug Tiefe hat. Lieber noch mal „Heat“, „Die Unbestechlichen“ oder „Public Enemy No.1“ gucken!


BEWERTUNG

Public Enemies
OT: Public Enemies, USA 2009 R: Michael Mann D: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Billy Crudup, Stephen Dorff, Stephen Lang FSK: 12 Jahre L: ca. 134 Minuten Bild: 16:9 (2,40:1) Ton: DD 5.1 (Deu, Eng) UT: Deu, Eng, Bul Extras: Audiokommentar A: Universal Bereits erhältlich Zum Beispiel hier



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